Mitglieder zu den entscheidenden Motiven ihres dortigen freiwilligen Engagements
gezählt; nun wurden sie nicht nur zum Besuch der monatlichen Versammlungen
verpflichtet134, sondern mußten auch hinnehmen, daß nach der Gleichschaltung des
Bundes Vergnügungsveranstaltungen entweder gänzlich abgesagt wurden oder
Koblenz erheblich in den Ablauf eingriff135. Ehemals zwanglose Monatstreffen
wurden zu ernsten Kundgebungen für das Deutschtum stilisiert; das anschließende
gesellige Beisammensein war zwar nicht generell verboten, doch galten Berichte
hierüber als nicht mehr opportun: Mit dem Hinweis darauf, daß Meldungen über
Tanzveranstaltungen, Ausflüge und Bierabende einen immer breiteren Raum im
„Saar-Freund“ einnahmen, ordnete Vogel zu Jahresende 1933 an, daß fortan nur
noch Artikel eingesandt werden sollten, die neue Impulse in der Saarpropaganda
gäben und Anregungen für andere Ortsgruppen bereit hielten136. Aufgrund der
Personalunion zwischen Parteifunktionären und Führungskräften lokaler Saarvereine
überrascht es wenig, daß gerade die nach 1933 neu gegründeten Ortsgruppen die
Versammlungsrituale der NSDAP übernahmen1 '7. In ihrem Repertoire dominierte
nationalsozialistisches Liedgut; anders als bei den älteren Ortsgruppen bildeten sich
bei ihnen nur selten eigenständige Rituale und Symbole heraus13*. Wie auch schon in
früheren Jahren erfreuten sich Fahnenweihen großer Beliebtheit. Das Erscheinen von
Abordnungen der benachbarten Ortsgruppen wurde zur „nationalen Ehrensache“
erklärt. Im Gedenken an die Schlacht bei Spichern nahm Anfang August 1933
Kreisleiter Piekarski die feierliche Weihe einer Saarvereinsfahne in Wiesbaden mit
einer Hakenkreuzfahne vor - „damit etwas von deren Geist auf die neue Fahne
überflösse.“139 Vereinzelte Berichte im „Saar-Freund“ belegen jedoch, daß viele
Ortsgruppen ungeachtet der Koblenzer Weisungen am traditionellen Ablauf ihrer
Monatsversammlungen festhielten - ausgerechnet in Simons Gaubezirk sogar mit
ausdrücklicher Zustimmung durch Landesgruppenleiter Kellner140.
1.3 Simons Rückzug aus der Bundesführung
Für den ehrgeizigen Gustav Simon war der Bund der Saarvereine in erster Linie ein
Instrument, sein politisches Gewicht in Saarangelegenheiten zu erhöhen, um so bei
134 Vgl. SF 14(1933)22, S. 427 f„ SF 15 (1934) 3, S. 48 ff.
135 Vgl. Briefe der Geschäftsstelle Koblenz an die Ortsgruppe Alsdorf (24.03.34 und 27.03.34), in: B A-R
8014/186.
136 Vgl. SF 14 (1933) 24, S. 463.
137 Vgl. Bytwerk. Beispielsweise gedachte die Monatsversammlung am 10.11.34 in Miilheim/Ruhr
eigens der Opfer des mißlungenen Putsches von 1923: Vgl. SF 15 (1934) 24, S. 538. Einzelne
Ortsgruppen pflegten auch den nationalsozialistischen Märtyrerkult. Hierbei rückte der während des
Belagerungszustandes im Oktober 1919 von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilte
und wenige Tage später exekutierte Jakob Johannes zunehmend in den Vordergrund: Vgl, BRUCH:
Franzosen im Saargebiet, S. 81 f.; PAUL: Deutsche Mutter, S. 176.
138 Hier traten das Horst-Wessel-Lied und das Hakenkreuz neben das Saarlied und das Winterbergemblem,
anstatt es wie bei den Neugründungen zu verdrängen.
139 Vgl. SF 14 (1933) 16/17, S. 295.
140 Vgl. Rundschreiben Kellners an die Ortsgruppen (12.09.34), in: LHA Koblenz, 661,11/7.
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