Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

Stettiner  Ortsgruppenvorsitzenden  Hermann,  der  auf  offenen  Konfrontationskurs  zur
Berliner  Geschäftssteile  „Saar-Verein“  ging129.  Seine  Eigenmächtigkeiten  steigerten
sich  in  der  zweiten  Jahreshälfte  1933  stetig,  bis  er  dazu  überging,  Unterstützungsgelder
  für  die  Zentrale  selbst  abzuschöpfen  und  trotz  Zurechtweisung  aus  Koblenz  in
seinem  Einflußgebiet  Ortsgruppen  und  Korporationen  an  die  eigene  Geschäftsstelle
in  Stettin  zu  binden.  Selbstbewußt  lehnte  es  Herrmann,  der  sich  mit  dem  Titel  „Beauftragter
  der  Saar-Werbe-  und  Aufklärungs-Propaganda  für  Pommern,  Ostpreußen,
Kurmark.  Danzig  und  Mecklenburg“  schmückte,  schließlich  ab.  überhaupt  mit  der
Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  zu  verkehren,  da  diese  seine  Arbeitsfreudigkeit  und
den  Ernst  der  Sache  störe.  Die  Herausgabe  des  Mitteilungsblattes  „Der  Saarländer“130
bildete  den  Höhepunkt  der  Auseinandersetzung.  Kostenlos  an  die  etwa  3.000  Mitglieder
  der  Landesgruppe  verteilt,  wirkte  es  sich  nicht  nur  negativ  auf  den  Absatz  des
„Saar-Freund“  in  Pommern  aus,  sondern  stärkte  im  gleichen  Maß  die  Machtposition
Herrmanns,  wie  es  die  Autorität  der  Berliner  Geschäftsstelle  untergrub.  Obwohl  die
Landesstelle  des  Reichspropagandaministeriums  Herrmanns  Engagement  anderen
Gruppen  als  Vorbild  präsentierte,  untersagte  die  Bundesführung  die  Verbreitung  des
„Saarländers“.  Erst  der  Hinweis  auf  die  Bestimmungen  des  Schriftleitergesetzes
brachte  im  Oktober  1934  den  eigensinnigen  Lokalfürsten  zum  Einlenken.  Ein  zur
gleichen  Zeit  stattfindendes  klärendes  Gespräch  zwischen  Herrmann  und  Vogel  legte
die  Reibereien  zumindest  bis  zur  Abstimmung  auf  Eis.  Das  Bemerkenswerte  an  dem
Konflikt  war  weniger,  daß  sich  Herrmann  -  gestützt  auf  die  Protektion  der  lokalen
NSDAP  -  nicht  länger  dem  um  Anerkennung  und  Geltung  ringenden  Vogel  unterordnen
  wollte,  sondern  daß  er  sich  mehrfach  leisten  konnte,  ausdrückliche  Weisungen
  aus  Koblenz  zu  ignorieren,  ohne  abgesetzt  zu  werden.  Ein  möglicher  Grund
hierfür  mag  sein  bemerkenswertes  Organisationstalent  gewesen  sein,  welches  im
Februar  1934  auf  der  Koblenzer  Führertagung  eigens  hervorgehoben  wurde.
Simon  ließ  sich  nach  der  Übernahme  der  Bundesführung  drei  Monate  Zeit,  bis  er
Mitte  Oktober  1933  für  die  gleichgeschalteten  Ortsgruppen  verbindliche  Richtlinien
erließ,  die  ihrer  Mobilmachung  gleichkamen131.
„Der  Bund  der  Saarvereine  muß  im  kommenden  Jahr  nicht  allein  jeden  Abstimmungsberechtigten
im  Reich,  sondern  darüber  hinaus  jeden  Volksgenossen  propagandistisch  erfassen.  Durch  das
ganze  deutsche  Volk  muß  es  wie  ein  einziger  mächtiger  Sturm  gehen,  der  alle  Gelüste  der  Gegner
zu  Schanden  werden  läßt.“
Zum  Erreichen  des  gesteckten  Ziels  ordnete  Simon  an,  daß  fortan  jede  Ortsgruppe  „in
gesteigerter  Propagandatätigkeit“  zu  stehen  hatte;  abgesehen  von  größeren  Kundgebungen
  waren  alle  Mitglieder  aufgefordert,  Mund-zu-Mund-Propaganda  für  das
Saargebiet  und  für  die  Saarfrage  zu  betreiben.  Das  erforderliche  Material  war  von  der
129  Im  folgenden:  Schriftwechsel  (1933-1934),  in:  BA-R  8014/611  f.
130  Vgl.  SF  15  (1934)  4,  S.  67.  Das  monatlich  erscheinende  Organ  übernahm  Artikel  saarländischer
Zeitungen,  druckte  Verfügungen  der  Reko  ab  und  verzeichnete  die  Stützpunkte.
111  Vgl.  Rundschreiben  Simons  an  die  Ortsgruppen  (18.10.33),  in:  BA-R  8014/130.  Siehe  Dok.  14  im
Anhang.

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