1933 war der Führungsanspruch der Berliner Geschäftsstelle zwar von einigen
Ortsgruppen nur widerwillig akzeptiert, aber unter dem Strich nie ernsthaft angezweifelt
worden. Mit dem Einzug des ambitionierten Koblenzer Gauleiters in die
Bundesführung gelangten nun Ortsgruppenvorstände wie Kellner in Machtpositionen,
die primär auf ihrer loyalen Parteimitgliedschaft basierten. Das bisherige Prädikat,
durch die französische Besatzung ausgewiesen worden oder zumindest gebürtiger
Saarländer zu sein, wurde zur Nebensache. Entscheidender war nun das Bekenntnis
zum Nationalsozialismus und die Anerkennung von Simons Führungsrolie.
Gerade nach 1933 konnte die Bundesführung allerdings oft nur wenig wählerisch bei
der Auswahl ihrer Saarvereinsleiter sein: mitunter beherrschten diese die deutsche
Sprache und Grammatik nur rudimentär122 bzw. besaßen unzureichende organisatorische
Fähigkeiten. Die hohe Fluktuation der Ortsgruppenvorsitzenden bei manchen
Neugründungen stützt diese Vermutung123. Schließlich forderte die Koblenzer
Zentrale von potentiellen Bewerbern um den Posten eines Ortsgruppenführers
lediglich ein Gutachten der zuständigen NSDAP-Dienststelle über deren politische
Zuverlässigkeit124. Obwohl Nationalsozialisten damit prinzipiell gute Chancen bei
ihrer Kandidatur besaßen, war die Parteimitgliedschaft keine zwingende Voraussetzung
für eine Ernennung bzw. Bestätigung125. Gegen die Skepsis lokaler Parteistellen
nahm die Bundesführung auch ehemalige Zentrumsanhänger in Schutz126.
Ab Mitte 1934 sah sich die Koblenzer Geschäftsstelle gezwungen, dem blinden
Aktionismus mancher Ortsgruppenvorsitzender Einhalt zu gebieten. Verschiedentlich
versuchten lokale Vorsitzende - ermutigt durch die erfolgreiche Gründung zahlreicher
Ortsgruppen und Stützpunkte -, sich zu Kleinführern aufzuschwingen. Der von
Kellner ernannte Vorsitzende der Ortsgruppe Kreuznach12 legte sich beispielsweise
den Titel „Kreisleiter“ zu, was ihm Anfang 1934 ebenso wie das Eintreiben von
Pflichtbeiträgen bei „seinen“ Ortsgruppen von der Koblenzer Geschäftsstelle untersagt
wurde128. Zu einem ernsthaften Problem entwickelte sich das Verhalten des
122 Vgl. Brief Jungs (Waldagesheim) an die GSV (13.03.34), in: BA-R 8014/631.
123 Beispielsweise amtierten zwischen November 1933 und Dezember 1934 in Rostock insgesamt vier
Ortsgruppenleiter: Vgl. Schriftwechsel zwischen der GSV und der Ortsgruppe Rostock (1933-1934),
in: BA-R 8014/581; SF 14 (1933) 24, S. 464.
124 Vgl. u.a. Brief der Geschäftsstelle Koblenz an Willi Bunke (12.01.34), in: BA-R 8014/658.
125 Von den insgesamt 200 Ortsgruppenleitern, die im „Saarbefreiungskampf4 (S. 381-390) mit einem
Portraitfoto verewigt wurden, trugen nur 24 Parteiuniformen bzw. Uniformen der SS oder SA.
126 Vgl. Brief Debusmanns an die NSDAP-Kreisleitung Gießen (25.09.34), in: BA-R 8014/359.
127 Ende 1933 konnte Lordt auf 11 Ortsgruppen mit etwa 1.000 Mitgliedern zurückblicken, zur Zeit
seiner Maßregelung waren es bereits 14 Ortsgruppen und 42 Stützpunkte mit insgesamt 1.900
Mitgliedern, die bis Ende Oktober 1934 auf 130 Ortsgruppen und Stützpunkte mit zusammen 14.000
Mitgliedern anwuchsen: Vgl. Schriftwechsel mit der GSV, in: BA-R 8014/455.
I2,! Vgl. Brief der Geschäftsstelle Koblenz an Lordt (10.02.34), in: Ebd. Nachdem ein Erlaß des RMI vom
Frühjahr 1934 bereits bestimmte Bezeichnungen wie „Führer“, „Reichsleiter“ oder „Gauleiter“ für die
NSDAP reserviert hatte (vgl. Rundschreiben des thüringischen Kreisamts an Stadt- und Gemeindevorstände
des Landkreises (23.03.34), in: StA Weimar, 12/ 1-10-23), ordnete die Oberste Leitung der PO
zu Jahresende an, daß künftig das Wort „Führer“ durch „Leiter“ zu ersetzen sei: Vgl. SF 15 (1934) 15,
S. 293; SF 15 (1934) 23, S. 505.