NSDAP-Reichsleitung41: Am gleichen Tag, an welchem Kellner und Wagner ihr
Anliegen der obersten Reichsspitze vortrugen, führte Schneider in Berlin ein Gespräch
mit Alois Spaniol, dem saarländischen Landesleiter der NSDAP, um das
künftige Verhältnis zwischen Partei und Bund der Saarvereine zu klären. Beide
kamen überein, mit Simon einen Nationalsozialisten als neuen Vorsitzenden zu
berufen, was Schneider umgehend Vogel in einem persönlichen Gespräch mitteilte.
Es gelang ihm, Vogel mit dem Kompromißvorschlag zu beschwichtigen, daß der
Bund der Saarvereine ähnlich wie der „Bund Deutscher Westen” künftig eine Doppelspitze
dergestalt erhalten sollte , daß neben dem Vorsitzenden Otto Andres Gustav
Simon als Präsident amtiere42 43. Befriedigt mit seinem scheinbaren Erfolg teilte Vogel
noch am gleichen Tag Andres das Ergebnis seiner Verhandlungen mit, und da er sich
keine Illusionen machte, wer hinter der vereinsinternen Revolte steckte, informierte
er ebenfalls Kellner und den stellvertretenden Bundesvorsitzenden Ernst Debusmann:
Gewissermaßen als Warnung an die beiden Querulanten in der Provinz setzte er sie
darüber in Kenntnis, daß sich weitere Maßnahmen erübrigten: „Die Selbständigkeit
des Bundes der Saarvereine ist gewährleistet.”44
Derartige Hoffnungen zerschlugen sich jedoch schon bald, da Simon keineswegs
gewillt war, sich auf einen Ehrenposten zu beschränken. Er reklamierte die Gesamtleitung
des Bundes, dessen Geschäftsstelle nach Koblenz verlegt werden sollte44.
Erstmals zeigte sich dieser Führungsanspruch am 15. Juli 1933 im Verlauf der
Vorbereitungssitzung zur Niederwaldkundgebung. Nach einer vorangegangenen
Aussprache erklärte Andres, daß Simon den Vorsitz des Bundes übernommen habe.
Als der Koblenzer Gauleiter schließlich verspätet erschien, übertrug Andres ihm die
Leitung der Sitzung45. Drei Tage später erklärte er offiziell seinen Rücktritt46.
41 Der Saarbrücker Gerichtsassessor (1907-1974) war bereits im Mai 1933 an verschiedene Reichsbehörden
mit dem Plan einer zentral gelenkten Saarpropaganda unter nationalsozialistischer Führung
herangetreten, mit deren Hilfe der Agitation der Marxisten ebenso wie der der französischen Annexionisten
und der im Saargebiet eingewanderten poinisch-galizischen Juden begegnet werden sollte. Hitler
lehnte seine Initiative „aus psychologischen Gründen“ ab: Vgl. Denkschrift Schneiders (10.05.33) und
Vermerk der Reichskanzlei (16.05.33), in: PA AA, II a Saargebiet. R 75.457; JACOBY, S. 91 f. Im
zweiten Abstimmungskampf zählte er zu den Hauptprotagonisten des Heimatbundes, der gegen das
Saarstatut und damit gegen eine autonome Saar kämpfte.
42 Vgl. Brief der GS V an Andres (11.07.33), in: LA Saarbrücken, Saar-Verein 13.
43 Vgl. Briefe der GSV an Kellner und Debusmann (11.07.33), in: LA Saarbrücken, Saar-Verein 13.
Unabhängig von Kellner hatte Debusmann offensichtlich versucht, Ispert in eine führende Position
innerhalb des Bundes zu lancieren: Vgl. Brief der GSV an Kellner (10.07.33), in: LHA Koblenz,
661,11/2.
44 Vgl. Aktennotiz (13.07.33), in: BA-R 8014/682.
45 Simon hatte in Rüdesheim ein leichtes Spiel: Neben Vertretern des Saarbrücker Arbeitsausschusses
waren ausschließlich linientreue Parteimitglieder anwesend: Vgl. Sitzungsprotokoll vom 15.07.33
(18.07.33), in: BA-R 8014/100; Brief des Rüdesheimer Bürgermeisters an den Regierungspräsidenten
in Wiesbaden (21.07.33), in: StA Rüdesheim 111/50. Auch Vogel fehlte am Rhein, da ihm im Juli das
linke Auge operativ entfernt und durch eine Glasprothese ersetzt werden mußte: Vgl. Brief Frieda
Vogels an Mangold (26.07.33), in: BA-R 8014/157.
46 Vgl. Briefe Andres’ an Simon und Vogel (18.07.33, in: LA Saarbrücken, Saar-Verein 19) sowie an das
AA (18.07.33), in: PA AA. II a Saargebiet. R 76.095.
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