Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

1 Der  gleichgeschaltete  Bund  der  Saarvereine
1.1 Der  Gleichschaltungsprozeß
1.1.1 „Flucht  nach  vorn“
Die  weitreichenden  Dimensionen  des  30.  Januar  1933.  der  den  Beginn  einer  zwölfjährigen
  Diktatur  in  Deutschland  markierte,  wurden  in  der  Stresemannstraße  zunächst
nicht  wahrgenommen.  Die  neue  Regierung  der  „nationalen  Konzentration“  schien
lediglich  die  Reihe  der  bisherigen  Präsidialkabinette  zu  verlängern  und  die  nationalsozialistischen
  Mitglieder  von  den  konservativen  Kräften  um  Reichsaußenminister
Konstantin  Freiherr  von  Neurath,  Vizekanzler  Franz  von  Papen  und  Wirtschaftsminister
  Alfred  Hugenberg  kontrolliert.  Vogels  Reaktion  unterschied  sich  daher  kaum  von
den  Initiativen  der  Geschäftsstelle  nach  früheren  Regierungswechseln:  Ähnlich  wie
wenige  Wochen  zuvor  an  die  Adresse  von  Schleichers  wollte  er  dem  neuen  Regime
die  finanzielle  Sicherung  des  Bundes  der  Saarvereine  ans  Herz  legen.  Wie  gewöhnlich
  setzte  Vogel  großes  Vertrauen  auf  die  jahrelange  Erfahrung  seiner  Organisation
in  der  Saarpropaganda,  die  ihm  die  nötige  Gewähr  zu  bieten  schien,  daß  der  Verein
in  der  entscheidenden  Phase  vor  der  Abstimmung  nicht  ausgebootet  werden  würde.
Der  Berliner  Geschäftsstelle  sollte  weiterhin
„die  Führung  in  diesem  Kampfe  um  die  Befreiung  des  Saargebiets  im  Reich  [...  Vorbehalten
bleiben],  schon  um  eine  Sicherheit  dafür  zu  haben,  daß  dieser  Kampf  auch  so  geführt  wird,  wie
es  die  Reichs-  und  Staatsregierung  im  eigensten  Interesse  wünscht.“1
Binnen  weniger  Wochen  zeigte  sich  jedoch,  daß  Hitler  keineswegs  eine  Übergangserscheinung
  sein  würde:  Die  Verordnung  „Zum  Schutz  von  Volk  und  Staat“  vom  28.
Februar  1933  setzte  wesentliche  Grundrechte  der  Weimarer  Verfassung  außer  Kraft
und  legte  das  Fundament  für  den  permanenten  Ausnahmezustand.  Die  Verhaftungswelle
  im  Vorfeld  der  Märzwahlen  bewies,  wie  die  braunen  Machthaber  mit  regimekritischen
  Geistern  umzugehen  gedachten,  und  das  gegen  den  Widerstand  der  Sozialdemokraten
  im  Reichstag  verabschiedete  Ermächtigungsgesetz  „zur  Behebung  der
Not  von  Volk  und  Reich“  (24.  März  1933)  öffnete  der  staatlichen  Willkür  Tür  und
Tor.  Nacheinander  brachten  die  Nationalsozialisten  im  Laufe  des  Frühjahres  1933
mit  unterschiedlicher  Intensität  des  Drucks  und  der  Gewalt  alle  Bereiche  des  öffentlichen
  Lebens  auf  Kurs:  Angefangen  von  den  Ländern,  in  welchen  die  demokratisch
gewählten  Regierungen  putschartig  durch  Nationalsozialisten  oder  scheinlegal  durch
Reichsstatthalter  ersetzt  wurden,  über  die  politischen  Parteien,  die  schließlich  zugunsten
  der  NSDAP  entweder  verboten  wurden  oder  sich  selbst  auflösten,  bis  hin  zur
kleinsten  unpolitischen  lokalen  Vereinigung,  die  fortan  eine  den  neuen  Verhältnissen
angepaßte  Leitung  erhielt,  wurden  Staat  und  Gesellschaft  sukzessive  gleichgeschaltet2.


1  Vgl.  Brief  der  GSV  an  Posselt  (07.02.33),  in:  LA  Saarbrücken,  Saar-Verein  6.
:  Vgl.  die  idealisierenden  theoretischen  Überlegungen  bei  RUPF,  S.  8-20.  Zur  Phase  der  Gleichschaltung
siehe  insbesondere:  MATTHIAS/MORSEY;  SCHULZ:  Permanente  Gleichschaltung;  Thamer:  Verführung
und  Gewalt,  S.  282-303.

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