Kulissen kaum vorhanden war. Auftritte von Sozialdemokraten auf Veranstaltungen
des Bundes stellten zwar keinen Einzelfall dar. doch müssen sie als etwas Besonderes
empfunden worden sein, da der „Saar-Freund“ explizit auf die Parteizugehörigkeit
hinwies, worauf er bei Rednern anderer Parteien verzichtete. Ebenso wie der Bund
der Saarvereine bemüht war, seine Überparteilichkeit durch Redner der SPD unter
Beweis zu stellen, sahen sich deren Delegierte in der Pflicht, die nationale Zuverlässigkeit
ihrer Partei hervorzuheben17. Auf diese Weise trugen die sozialdemokratischen
Referenten beispielsweise in Kassel und Dortmund entscheidend zum einseitigen.
nationalistisch gefärbten Charakter der Veranstaltungen bei.
Alle rückgliederungswilligen Parteien sollten sich in eine Einheitsfront einreihen; ein
Ausscheren galt daher als kontraproduktiv für die nationale Sache. Überdeutlich
zeigte sich dies im Herbst 1924 während der mehrwöchigen Betriebsstillegung der
Völklinger Hütte18. Anstatt mit Röchling einen seiner wichtigen Förderer zu kritisieren19,
kochte der Saarverein das alte Vorurteil der mangelnden nationalen Zuverlässigkeit
im linken Lager auf und wies den Sozialdemokraten die Schuld am Zerbrechen
der Einheitsfront zu20. Da sie auch nach Beendigung der siebenwöchigen
Betriebsstillegung auf der Völklinger Hütte ihren eigenen Kurs verfolgte und sich
insbesondere in Fragen der Verständigung mit Frankreich, der Wertung des Völkerbundes
und des klaren Bekenntnisses zur Republik von ihren einstigen Kooperationspartnern
in der interparteilichen Einheitsfront abgrenzten21, wurden die saarländischen
Sozialdemokraten Anfang 1925 heftig von Vertretern des Bundes attackiert.
Die Vorwürfe richteten sich vor allem an das Parteiorgan „Volksstimme“, das nach
Jahren vorbildlicher Pressearbeit nun andere Prioritäten setze22. Auch ohne seinen
Namen explizit zu erwähnen, griff der „Saar-Freund“ damit erstmals den kurz nach
dem Ausbruch des hunderttägigen Bergarbeiterstreiks nach Saarbrücken gekommenen
Chefredakteur Max Braun an, der in den folgenden Jahren zur prägenden Person
der saarländischen SPD aufsteigen und wegen seiner Haltung im Abstimmungskampf
schließlich als „meistgehaßter Mann“ des Saargebiets gelten konnte23. Schon bald
wurde die Redaktion des „Saar-Freund“ konkreter, indem sie sich in einen parteiinternen
Konflikt einmischte und die saarländischen Sozialdemokraten offen aufforderte,
sich von den Kreisen um Braun zu distanzieren. Sie stellte schließlich die
Frage in den Raum, ob die Voraussetzungen für eine schnelle Rückgliederung der
1 Vgl. Redebeitrag Hauschilds (03.04.21), in: SF 2 (1921) 8, S. 97; Redebeitrag Bäumgens (07.05.22) im
Rundschreiben an 285 Zeitungsredaktionen (08.05.22), in: BA-R 8014/21.
18 Vgl. LA Saarbrücken, Saar-Verein 16; KESTERNICH; RÖCHLING, S. 116-119,
19 Röchling erhielt Ende Oktober 1924 sogar vor der Berliner Ortsgruppe und anschließend im SF ein
Forum, die Betriebsstillegung zu rechtfertigen: Vgl. SF 5 (1924) 20, S. 301 f. Die unternehmerfreundliche
Haltung des SF zeichnete sich auch anderenorts ab: Vgl. SF 8 (1927) 1, S. 9 f.
20 Vgl. SF 5 (1924) 14. S. 226 f.; SF 5 (1924) 15, S. 227; SF 5 (1924) 16, S. 237 f.; SF 5 (1924) 21, S.
328.
21 Vgl. hierzu: ZENNER: Parteien und Politik, S. 184 ff.
22 Vgl. SF 6 (1925) 5, S. 77 f.
23 Vgl. allgemein Paul: Max Braun.
276