Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

die  zahlreichen  Rechtfertigungsversuche  in  Publikationen  und  sonstigem  Propagandamaterial
  hindeuten6 7.
Die  Auswertung  der  Korrespondenz  zwischen  der  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  und
den  politischen  Parteien  ergibt  den  Befund,  daß  die  Kontakte  zum  bürgerlich-konservativen
  Lager  weit  überwogen  ,  und  es  war  sicher  kein  Zufall,  daß  die  deutschnationalen,
  rechtsliberalen  und  konservativen  Parteivertreter  größeres  Interesse  für
die  Kooperation  mit  dem  Bund  der  Saarvereine  als  ihre  sozialdemokratischen  oder
gar  kommunistischen  Kollegen  aufbrachten.  Allerdings  wird  dies  weniger  als  Indikator
  für  eine  einseitige  Orientierung  der  Saarorganisation  gewertet  werden  können  als
die  zahlreichen  Selbstzeugnisse  und  Konfliktfelder  während  der  jahrelangen  Tätigkeit.

Zumindest  in  der  Übergangsphase  1919/20  suchte  Vogel  noch  den  Kontakt  zu  den
Linksparteien,  machte  aber  daraus  keinen  Hehl,  daß  die  Überparteilichkeit  der
Saarvereine  nicht  seiner  inneren  Überzeugung  entsprang,  sondern  eine  notwendige
Konzession  an  den  Zeitgeist  respektive  die  Erwartungen  der  Berliner  Ministerien
war.  Man  müsse  der  Tatsache  Rechnung  tragen,  daß  die  saarländische  Arbeiterschaft
nach  vier  Kriegsjahren  zwar  fest  im  deutschen  Lager  stünde,  aber  „zum  großen  Teil
ins  sozialdemokratische  Fahrwasser  übergegangen“  sei8.  Ohne  Umschweife  gaben
die  Mitarbeiter  der  Bundesorganisation  zu,  daß  die  Überparteilichkeit  dort  an  ihre
Grenzen  stoße,  wo  sich  frankophile  oder  gar  separatische  Strömungen  breit  machten.
Infolgedessen  wurden  konsequent  alle  Kontakte  zu  den  Kommunisten  und  -  nach
einer  einmaligen  Aufforderung  zur  Kooperation  -  ebenso  zu  den  Unabhängigen
Sozialdemokraten9  gemieden.  Sofern  der  „Saar-Freund“  überhaupt  Parteifragen  zur
Sprache  brachte,  stigmatisierte  er  die  politische  Linke  als  „Schrittmacher  des  französischen
  Militarismus“,  die  durch  ihre  Handlangerdienste  für  die  Feinde  Deutschlands
Landesverrat  beginge10.  Schon  sehr  früh  erfolgte  ihr  Ausschluß  aus  der  nationalen
„Volksgemeinschaft“:  Da  KPD  und  USPD  im  Gegensatz  zu  den  anderen  politischen

6  Vgl.  VOGEL:  Die  Aufgaben  des  Bundes  „Saar-Verein“,  S.  5;  Protokoll  der  Vorstandssitzung  des  Bundes
vom  02.04.22  (04.04.22),  in:  BA-R  8014/21;  SF  6  (1925)  14.  S.  225;  SF  9  (1928)  14/15,  S.  267.
7  Vgl.  BA-R  8014/695-698.  Unter  den  Berichten  über  Parteitage  saarländischer  Parteien  und  Bezirksversammlungen
  saarländischer  Gewerkschaften  finden  sich  im  SF  deutlich  weniger  Meldungen  über
Versammlungen  der  SPD  und  der  freien  Gewerkschaften:  Vgl.  beispielsweise  SF  5  (1924)  12,  S.  183;
SF5  (1924)  15,  S.  226;  SF  5  (1924)  19,  S.  293;  SF8  (1927)  12,  S.  193  ff.
8  Er  allerdings  glaube  fest  an  die  politische  „Gesundung“  der  Bergleute:  Vgl.  Brief  der  GSV  an  Hilger
(29.09.19),  in:  BA-R  8014/9.  Dem  preußischen  Beamten  Vogel  fiel  es  sichtlich  schwer,  aus  seiner
bisherigen  Rolle  zu  schlüpfen  und  die  Arbeiterschaft  als  gleichberechtigten  Gesprächspartner  zu
akzeptieren.  Vgl.  die  Klagen  gegenüber  Dr.  Maurer  (29.10,19),  in:  BA-R  8014/141.
9  Die  zweitstärkste  Fraktion  im  Reichstag  wurde  neben  den  anderen  großen  Parteien  im  Februar  1921
noch  aufgefordert,  für  die  Bundestagung  in  Kassel  einen  Redner  zu  entsenden.  Mit  ihrer  Absage  trug
die  USPD  im  Prinzip  selbst  dazu  bei,  daß  die  Versammlung  eine  relativ  einseitige  Ausrichtung  erhielt:
Vgl.  Brief  der  GSV  an  die  Fraktionen  von  USPD,  SPD,  Zentrum,  DDP,  DVP  und  DNVP  (15.02.21),  in:
LA  Saarbrücken,  Saar-Verein  1;  Absage  der  USPD-Fraktion  an  die  GSV  (10.03.21),  in:  BA-R
8014/695.
10  Vgl.  SF  1  (1920)23,  S.  235;  SF  2  (1921)  7,  S.  85;  SF  2  (1921)  13,  S.  171;  SF  2  (1921)  21,  S.  304  f.

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