Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

4.10 Saarpropaganda  durch  Symbole
Die  Saarfrage  während  der  Periode  der  Völkerbunds  Verwaltung  auch  in  nicht  unmittelbar
  betroffenen  Kreisen  des  unbesetzten  Deutschlands  präsent  zu  halten,  war
eine  der  Hauptschwierigkeiten,  mit  denen  sich  die  Saarvereine  konfrontiert  sahen.  Es
mußten  Methoden  gefunden  werden,  um  den  Dreh-  und  Angelpunkt  der  Saarpropaganda
  -  die  Saar  ist  deutsches  Territorium  -  tagtäglich  auch  ohne  besondere  Inszenierung
  ins  Gedächtnis  zu  rufen.  Daß  das  unbewußt  Wahrgenommene  von  den
Rezipienten  dann  schließlich  als  Tatsache  empfunden  werden  würde,  warden  verantwortlichen
  Kräften  in  der  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  bekannt.  Aus  diesem  Grund
erging  erstmals  von  der  Bundestagung  1925  die  Empfehlung  an  die  Ortsgruppen,
ergänzend  zu  der  bisherigen  publizistischen,  rednerischen  und  karitativen  Propagandaarbeit
  darauf  hinzu  wirken,  daß  das  Saargebiet  künftig  bei  der  Benennung  neuer
Straßen  und  Plätze  gebührend  berücksichtigt  werde224.
Im  ausgehenden  19.  Jahrhundert  hatten  Straßennamen  (Hodonyme)  immer  mehr  ihre
bisherige  Funktion  als  Orientierungshilfe  zugunsten  einer  Selbststilisierung  der
wilhelminischen  Gesellschaft  eingebüßt.  Im  Zuge  dieses  Prozesses  wurden  sowohl
Namensgebungen  aus  Ehrerweisung  gegenüber  herausragenden  Persönlichkeiten  als
auch  die  Verwendung  geographischer  Bezeichnungen  ohne  direkten  lokalen  Bezug
gebräuchlich22".  Während  die  Praxis  der  Straßenbenennungen  und  -Umbenennungen
in  Saarbrücken  bereits  ausführlich  dargestellt  wurde226,  fehlen  bislang  derartige
Untersuchungen  über  die  Verwendung  saarländischer  Ortschaften,  Flüsse  und
Landstriche  als  Namensgeber  für  Wege  außerhalb  der  Saarregion.
Abgesehen  von  ihrer  vordergründigen  Orientierungsfunktion227  erlauben  Straßenbenennungen
  den  Regierenden.  Erinnerungsstrukturen  im  öffentlichen  Raum  zu  definieren;
  Straßennamen  sollen  Identitäten  stiften  und  diese  bekräftigen.  Die  Verwendung
  der  Namen  von  Städten  und  Landschaften,  die  infolge  des  Versailler  Vertrages
nicht  mehr  zum  Deutschen  Reich  gehörten,  war  nach  dem  Ersten  Weltkrieg  eine
verbreitete  Modeerscheinung,  ging  aber  keineswegs  willkürlich  vonstatten228.
Als  erster  lokaler  Saarverein  meldete  die  Ortsgruppe  Halle  schon  unmittelbar  nach
der  Bundestagung  1925,  daß  es  ihr  gelingen  werde,  einen  Platz  oder  eine  Straße  nach
der  Saar  zu  benennen.  Als  dies  fast  zwei  Jahre  später  auch  erfolgte229,  existierten  auf

224  Punkt  16  der  auf  der  Bundestagung  in  Hannover  1925  beschlossenen  Leitsätze  (Juli  1925),  in:  BA-R
8014/28;  12.  Gebot  des  ..Katechismus  des  Bundes  der  Saarvereine“  (Juni  1929),  in:  BA-R  8014/125.
225  Vgl.  BOOCKMANN,  S.  585  f.
226  Vgl.  hierzu:  FLENDER:  Öffentliche  Erinnerungskultur,  S.  71-107;  SCHLEIDEN,  Teil  1  und  11.
22  Straßen  prägen  die  Binnenstruktur  einer  Siedlung,  ihre  Namen  bilden  das  notwendige  sprachliche
Scharnier  zwischen  dieser  vorhandenen  räumlichen  Struktur  und  den  Vorstellungen  davon:  Vgl.
Fuchshuber-Weiss,  S.  1468.
228  Vgl.  ebd„  S.  1472.
2"  Vgl.  SF  6  (1925)  14,  S.  231;  SF  8  (1927)  11,  S.  184.  Ähnlich  frühe  Meldungen  von  den  Ortsgruppen
Hannover  (SF  6  (1926)  19,  S.  324)  und  Dortmund  (SF  6  (1925)  16,  S.  279).

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