als spontane Reaktion auf die Vorträge und Aussprachen der beiden zurückliegenden
Tage, in Wirklichkeit bereits vier Wochen zuvor dem Auswärtigen Amt zur Genehmigung
übersandt, mündete Vogels Synthese in der Forderung:
„Äußerste Gefahr [für den Gedanken der Völkerversöhnung - F.B. j ist im Verzüge. Hs gibt nur
eine Abhilfe: ein Ende zu machen mit dem Saarexperiment des Versailler Vertrages, das sich in
acht Jahren als völlig verfehlt erwiesen hat, durch die ungeschmälerte Rückgabe des Saargebietes
15S
und seiner Kohlenlager an Deutschland.“
Stürmischer Beifall, der in Hochrufen auf das deutsche Vaterland und die bedrängte
Saarheimat überging, bekundete die Zustimmung der Menschenmasse zu dieser
Entschließung. Das gemeinsam mit den Hunderten von Sängern intonierte „Deutschlandlied“
beendete die Kundgebung in erhabener und weihevoller Stimmung. Ihren
offiziellen Abschluß fand die Bundestagung mit der feierlichen Illumination des
Schlosses und der alten Neckarbrücke, über welcher während eines Feuerwerks auch
das Tagungsmotto „Vaterland, Saardeutschland ruft Dich!“ in Flammenschrift
entzündet wurde.
Am Beispiel der Heidelberger Saarkundgebung wird deutlich, daß die alljährlichen
Inszenierungen gleichermaßen vereinsinterne als auch nach außen gerichtete Aufgaben
erfüllten:
1. Die Tagungen waren zunächst „Prüfsteine“: Die Mitgliederversammlungen boten
der Saarorganisation die Möglichkeit, ihre Ziele in einem begrenzten Rahmen zu
reflektieren, zu modifizieren und gegebenenfalls neu zu formulieren. In der Praxis
fiel jedoch der Berliner Zentrale die Aufgabe zu. sowohl die bisherige Arbeit zu
bilanzieren als auch die Marschroute für das kommende Jahr festzulegen. Anregungen
aus den Reihen der Ortsgruppen bildeten die Ausnahme, so daß die Mitgliederversammlung
weniger Beratergremium als Sanktionierungsinstanz des von der
Geschäftsstelle vorgegebenen Kurses war. In der Selbstdarstellung verglichen die
„Saar-Freunde“ ihre Tagungen mit „Heerschauen“, auf welchen die Ortsgruppen
das notwendige „Rüstzeug“ erhielten153 154.
2. Sie dienten der Binnenstabilisierung: Nach 1922 pendelte sich die Zahl der Ortsgruppen
auf einem Niveau von etwa 60 bis 70 Vereinen ein. Diese galt es ebenso
im Gesamtverband zu halten wie junge Gruppen in die Bundesorganisation integriert
werden mußten. Allen Ortsgruppen sollte auf den Tagungen das Gefühl
vermittelt werden, Teil einer machtvollen Bewegung zu sein und damit auf der
„richtigen“ Seite zu stehen.
Das regelmäßige Aufwärmen allseits bekannter und von niemandem in Zweifel
gezogener Gemeinplätze wirkte auf die Mitglieder der Ortsgruppen - anders als
vielleicht auf den außenstehenden nichtinvolvierten Beobachter - keineswegs
ermüdend. Innerhalb einer tausendköpfigen Versammlung wirkte das Rekapitulie¬153
SF9 (1928) 14/15. S. 286.
154 Vgl. SF 15 (1934) 23, S. 499.
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