Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

4.5 Saarkundgebungen  im  Reich
Über  die  unzähligen  kleineren  Vortragsveranstaltungen  hinaus  suchten  die  ,,Saar-Freunde'"
  einmal  im  Jahr  auch  in  größerem  Maßstab  den  direkten  Kontakt  zur  Öffentlichkeit139.
  Wenngleich  geselliges  Beisammensein  zum  integralen  Bestandteil  einer
jeden  Jahresversammlung  gehörte,  sollten  die  Bundestagungen  mit  ihren  anschließenden
  Saarkundgebungen  stets  den  Charakter  einer  höheren  Zielen  geweihten  Feier
besitzen140.  Um  dem  eigenen  Anspruch  gerecht  zu  werden,  eine  ernste,  vaterländische
Aufgabe  zu  erfüllen,  wurden  selbst  Vergnügungsveranstaltungen  und  Bierabende
genutzt,  aufklärende  Vorträge  darzubieten  oder  zumindest  die  zahlreich  eingegangenen
  Begrüßungstelegramme  zu  verlesen141.
Wegen  seiner  Exemplarität  für  den  Stil  der  propagandistischen  Selbstpräsentation
während  der  Weimarer  Republik  soll  im  folgenden  der  Ablauf  der  Heidelberger
Tagung  1928  in  groben  Zügen  skizziert  werden.
Nachdem  die  Entscheidung  zugunsten  des  in  räumlicher  Nähe  zum  Saargebiet
liegenden  Heidelberg  gefallen  war,  konnte  die  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  die
organisatorischen  Vorbereitungen  in  die  Wege  leiten.  Auf  der  Suche  nach  Rednern
zur  Beleuchtung  der  Saarfrage  unter  politischen,  wirtschaftlichen  und  sozialen
Aspekten  fragte  sie  gezielt  Vertreter  aller  republiktragenden  Parteien  an.  Die  Herstellung
  des  parteipolitischen  Proporzes  erwies  sich  allerdings  auch  in  diesem  Jahr  als
schwieriges  Unterfangen,  sei  es,  weil  der  vorgesehene  Zentrumsredner  es  ablehnte,
sein  Manuskript  der  Rundfunk-Gesellschaft  vorab  zur  Prüfung  zu  übermitteln,  sei  es,
weil  sich  der  sozialdemokratische  Kandidat  aus  Rücksicht  auf  die  Haltung  seiner
Partei  im  Saargebiet  zu  Veranstaltungen  des  Bundes  nicht  in  der  Lage  sah,  der  Bitte
zu  entsprechen142.  Erstmals  übersandte  der  Verein  auch  der  saarländischen  Regie¬139

  Erste  Überblickdarstellungen  zu  den  Mitgliederversammlungen,  die  während  der  Weimarer  Republik
in  Kassel,  Dortmund,  Karlsruhe,  Leipzig,  Hannover,  Köln,  Wiirzburg,  Heidelberg,  Münster,  Trier,
Neustadt  an  der  Weinstraße  und  Koblenz  stattfanden,  in:  SF  11  (1930)  13/14,  S.  255-264;  VOGEL:
Die  großen  deutschen  Saarkundgebungen.
140  „Nicht  Feste  wollen  wir  feiern,  sondern  ernste,  sachliche  fördernde  Arbeit  leisten,  Heimatarbeit,
Vaterlandsdienst.“:  SF  3  (1922)  9,  S.  129.  Die  historische  Festforschung  unterscheidet  zwischen  der
geplanten,  in  einem  mehr  oder  weniger  starren  organisatorischen  Rahmen  ablaufenden  und  wertrationalen
  Feier  sowie  dem  eher  emotional  und  affektgeprägten  Fest:  Vgl.  BAUSINGER:  Gedanken  zur
städtischen  Festkultur,  S.  252;  Gebhardt:  Fest,  Feier  und  Alltag,  S.  53:  Maurer;  Patel:  Neuerscheinungen
  zur  öffentlichen  Festkultur.  Wie  Fotos  von  verschiedenen  Kundgebung  zeigen,
unterstrichen  die  „Saar-Freunde“  den  feierlichen  Charakter  ihrer  Bundestagungen  mit  ihrer  festtäglichen
  Kleiderwahl.
141  Selbst  wenn  sie  über  Standardfloskeln  nicht  hinausreichten,  waren  die  Grußworte  der  Behörden  und
natürlich  die  alljährlichen  Begrüßungsschreiben  Eberts  und  Hindenburgs  zu  den  verschiedenen
Bundestagungen  für  die  Außendarstellung  des  Vereins  immanent  wichtig,  konnte  er  doch  hierdurch
das  Wohlwollen  der  Reichsspitze  suggerieren.
142  Anstelle  des  Saarländers  Valentin  Schäfer,  der  in  Heidelberg  zum  Ehrenmitglied  hätte  ernannt  werden
sollen,  sprach  sein  Parteifreund  Löffler.  Dieser  hatte  Vogel  eindringlich  vor  der  Übernahme  eines
Referates  durch  Schäfer  gewarnt,  da  dessen  Stellung  an  der  Saar  unnötig  erschwert  werde:  Vgl.  Briefe
Schäfers  (30.04.28)  und  Löfflers  (04.05.28)  an  die  GSV.  in:  BA-R  8014/49.

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