Schon der erste Blick in die Bibliographien zur Saarliteratur zeigt, daß weder die
Redakteure der Geschäftsstelle „Saar-Verein“ noch die Autoren in ihrem Dunstkreis
während der Völkerbundsjahre ein Monopol zur propagandistischen Aufbereitung
von Saarangelegenheiten besaßen. Dennoch achtete Vogel sehr darauf, sich gerade
auf dem Sektor der Broschüren und Druckschriften unliebsame Konkurrenz vom
Hals zu halten. Dabei richtete sich die Kritik an nicht von der Geschäftsstelle „Saar-Verein“
initiierten Veröffentlichungen nur vordergründig gegen die mangelnde
Sachkenntnis der Autoren; gerade in den beiden Krisenphasen (Inflation und Weltwirtschaftskrise)
bestand die Gefahr der Zersplitterung der ohnehin nie üppigen
Mittel aus den Propagandafonds der Behörden. Je breiter das Angebot an Saarliteratur
auf dem Büchermarkt wurde, desto schwieriger mußte es werden, die eigenen
Publikationen abzusetzen bzw. überhaupt zu finanzieren127. Manches geplante
Projekt wie die Herausgabe eines zweiten Weißbuches zur Saarfrage, eines illustrierten
Saarheimatbuches odereines Wandwochenkalenders mit Bildern des Saargebiets
scheiterte daher nicht allein an technischen Schwierigkeiten, sondern an den
fehlenden Finanzmitteln. Zu ihrem Leidwesen vermochte die Geschäftsstelle auch
nicht den Beispielen des DSB oder der RVP zu folgen und eine eigene Schriftenreihe
über das Saargebiet zu etablieren.
4.4 Vortragspropaganda
Stärker als beim gedruckten Wort, das sich vor allem in den großen überregionalen
Zeitungen an ein breites Publikum richtete, mußten die unzähligen Vorträge der
Saarvereinsredner auf die jeweilige Zuhörerschaft zugeschnitten sein, galt es doch die
Dialektik zwischen Sender und Empfänger der Propaganda zu berücksichtigen.
Infolgedessen standen bei der Vortragspropaganda weniger vernunftorientierte,
wissenschaftliche Belehrung und fundierte, differenzierte Aufklärung als vielmehr
gefühlsgeleitete und volkstümliche Suggestion im Vordergrund. Polemische Seitenhiebe
gegen die vermeintlich Verantwortlichen für die vorübergehende Separation
des Saargebiets vom deutschen Mutterland fanden guten Anklang, da die Zuhörer so
Bekanntes und Vertrautes in nur geringfügig modifizierter Form erneut rezipieren
und damit in ihrer Vorstellungswelt bestätigt werden wollten. Widerspruch war dann
vom Publikum nicht zu erwarten.
Obwohl sich die Berichte über Vortragsveranstaltungen des Bundes wie die empirische
Bestätigung der theoretischen Überlegungen Gustave LeBons'2* lesen und nicht
127 Die Konkurrenzsituation zeigte sich deutlich bei der Intervention gegen die Veröffentlichung der
Propagandaschrift „Das Saargebiet“ von Erwin Stein und Johannes Dierkes im Frühjahr 1931. Vogel
forderte die dafür vorgesehenen Autoren zum Boykott auf: Vgl. Brief der GSV an Keuth (06.03. 31),
in: Saarlandmuseum, SM 42; StA Saarbrücken, Großstadt 2944.
I2fi Le Bon (S. 10-37) ging 1895 davon aus, daß in einer größeren Gruppe versammelte Individuen eine
spezifische „Massenseele“ entwickeln, deren Wesenszüge dem Charakter ihrer Einzelmitglieder
teilweise diametral gegenüberstehen. Diese psychologische Masse handelt nach eigenen Gesetzen, der
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