aussichtslosen Lage befunden, was Clemenceau dazu verleitet habe, den amerikanischen
Präsidenten Wilson wissentlich über die Nationalitätenverhältnisse an der
Saar zu täuschen. Giersberg nannte zwei Quellen der Unterschriften: Ein Teil der
Listen sei in der Tat kurz nach dem Waffenstillstand in den preußischen Kreisen
Merzig und Saarlouis gesammelt worden, wobei die Unterzeichner im Glauben
gelassen worden seien, sich in Verzeichnisse zur Verbesserung der Lebens- und
Futtermittelversorgung einzutragen. In ihrer überwiegenden Mehrheit stammten sie
allerdings aus denjenigen lothringischen Städten und Ortschaften, welche - am
Oberlauf der Saar liegend - den Fluß in ihrem Namen trugen. In Bürgerversammlungen
seien die Neufranzosen aufgefordert worden, ausliegende Listen ohne Textkopf
zu unterschreiben; sei es, um auf diese Weise ihre Ansprüche auf Lebensmittel
zu verteidigen, sei es. daß sie von der Absicht wußten, die Verzeichnisse der französischen
Regierung als Solidaritätsadressen zu übersenden121. Anscheinend zur
nachträglichen Rechtfertigung wurden im Frühjahr 1919 im Saargebiet erneut Listen
ausgelegt. Beispielsweise sollten Bergleute angebliche Petitionen zur Begnadigung
ihrer nach einem Streik bestraften Arbeitskollegen unterzeichnen, in welchen sie
zugleich „der Freude darüber, daß die Arbeiterschaft durch Frankreich von dem
preußischen Joch befreit werde“ Ausdruck verliehen122 123. Giersberg kam zu dem
Schluß;
„Es ist dies ein Betrug, eine Urkundenfälschung, ein Verbrechen, das im bürgerlichen Leben mit
Zuchthaus geahndet wird. [.,.] Das war kein fair play. Das warein Schurkenstreich! Und zugleich
das widerlichste Bild der Weltgeschichte. Drei Richter: Ein Betrüger und zwei Betrogene als
Richter über die Welt!“1-3
Die ersten beiden Auflagen mit je 5.000 Exemplaren waren im Frühjahr 1926 bereits
vergriffen124; die dritte Auflage ließ nicht lange auf sich warten. Auf Initiative der
„Wirtschaftspolitischen Gesellschaft“ wurde die „Saarlüge“ ins Englische übersetzt
und im anglo-amerikanischen Sprachraum an Politiker und Journalisten verteilt125.
Selbstverständlich sorgte die Geschäftsstelle dafür, daß das Thema in den folgenden
Jahren immer wieder vom „Saar-Freund“ aufgegriffen wurde126; 1929 stand die
Münsteraner Bundestagung unter dem Motto „Fort mit der Saar-Lüge! Endlich
Schluß mit dem Unrecht an der Saar!“.
121 Vgl. Giersberg, S. 14-17. Vgl. auch Lempert, S. 29 ff; SK 4 (1926). S. 37.
122 Die einfache Bevölkerung dürfte in den meisten Fällen nicht gewußt haben, was sie tatsächlich
unterschrieb, da der Text auf französisch verfaßt war bzw. der Listenkopf völlig fehlte: RÖCHLING, S.
27; Weißbuch, Dok. 22, S. 48. Auch der französische Vertreter in der Reko war eingeweiht: Vgl. Brief
Raults an Ministerpräsident Leygues (11.01.21), in: MAE. Sarre 2.
123 Giersberg, S. 18.
124 Vgl. Briefe der GSV an die RVP (02.01.26 bzw. 06.05.26), in: BA-R 8014/801 bzw. BA-R
1603/2523.
125 Vgl. Brief der WPG an die GSV (05.02.26), in: BA-R 8014/1049; vgl. SF 7 (1926)9, S. 145 f,
126 Vgl. SF 5 (1924) 3. S. 30; SF 7 (1926) 11. S. 169: SF 7 (1926) 14, S. 218; SF 8 (1927) ¡6, S.
287-291; SF 9 (1928) 13, S. 248 f.; SF 11 (1930) 10, S. 179 f.
242