Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

Die  politische,  wirtschaftliche  und  soziale  Entwicklung  des  „Saargebietes“'13  zwischen
  1815  und  1914  läßt  sich  anhand  verschiedener  Rahmenbedingungen  charakterisieren:

Im  Laufe  des  19,  Jahrhunderts  bildeten  sich  in  der  Saarregion  zwei  bedeutende
Industrieachsen  heraus:  Auf  einer  Länge  von  etwa  52  km  und  einer  maximalen  Breite
von  15  km  erstreckt  sich  von  Nordost  nach  Südwest  der  Saarkohlensattel,  dessen
Ausläufer  über  die  1815  gezogene  Grenze  nach  Lothringen  reichen,  und  entlang  der
Saar  siedelten  sich  Betriebe  der  eisenschaffenden  und  -verarbeitenden  Industrie  an54.
Preußen  setzte  nach  Gründung  des  „Königlichen  Bergamtes  zu  Saarbrücken“  (1816)
die  Tradition  des  staatlich  betriebenen  Steinkohlenbergbaus  an  der  Saar  fort:  auch  der
bayerische  Staat  nahm  die  Ausbeutung  seiner  beiden  Grubenbetriebe  selbst  in  die
Hand.  Auf  der  Basis  ihrer  Monopolstellung  entwickelten  sich  die  Staatsunternehmen
zu  leistungsfähigen  und  modernen  Industriebetrieben55.  Als  größter  Arbeitgeber  und
aufgrund  seiner  ökonomischen  Potenz  als  wichtigster  Unternehmer  und  Energielieferant
  für  die  anderen  Industrien  entwickelte  sich  der  staatliche  Steinkohlenbergbau
zum  Leitsektor  der  saarländischen  Industrialisierung56.  Auch  die  Sozialpolitik  des
preußischen  Fiskus  spielte  in  der  Region  eine  Vorreiterrolle.
Nach  Schließung  kleinerer  Eisenschmelzen  behaupteten  sich  bis  1914  schließlich
fünf  Hüttenbetriebe  in  Brebach,  Burbach,  Völklingen,  Dillingen  und  Neunkirchen57,
Ihren  Standortvorteil  konnten  sie  jedoch  erst  vollständig  durch  die  Einführung  des
Thomasverfahrens  (1879)  nutzen,  das  die  Verhüttung  der  phosphorreichen  lothringischen
  und  luxemburgischen  Minette  in  großem  Umfang  ermöglichte.  Der  Ausgang
des  deutsch-französischen  Krieges  und  die  kontinuierliche  Erweiterung  des  Eisenbahnnetzes*
 5*  trugen  das  ihre  zur  Steigerung  der  Produktion  bei.  Im  Zuge  dieses
Konzentrationsprozesses  in  der  Schwerindustrie  kristallisierte  sich  die  Kommanditgesellschaft
  der  Gebrüder  Stumm  in  Neunkirchen  unter  Leitung  Carl  Ferdinands
Freiherr  von  Stumm  als  größter  privater  Arbeitgeber  der  Saarregion  heraus.  Sein
liberaler  Konkurrent  Carl  Ludwig  Röchling  (1827-1910),  der  1881  das  Völklinger

53 Erstmals  wurde  dieser  Terminus  1832  verwandt,  bezog  sich  allerdings  nur  auf  die  preußischen  Kreise
und  kennzeichnete  das  SaanWw.vrri'egebiet.  Die  Gesamtregion,  in  ihrer  Ausdehnung  etwa  vergleichbar
mit  dem  heutigen  Saar-Lor-Lux,  galt  im  Sprachgebrauch  als  „südwestdeutsch“:  Vgl.  HERRMANN:  Das
Saarrevier,  S.  13  und  S.  37  ff.;  LÄUFER,  S.  372-376.
34  Vgl.  Saar-Atlas,  S.  88  und  Abb  29  e.  Weitere  „Industrieinseln"  bildeten  sich  um  Mettlach.  St.  Ingbert
und  Homburg.  Vgl.  Banken,  Bd.  1,  S.  387-171.
Begünstigt  durch  die  Kleinräumigkeit  des  Saarbeckens  förderte  die  Kohle  das  Wachstum  anderer
Industrien.  Die  Produktion  stieg  von  105.000  t  (Jahresdurchschnitt  1816-1820)  auf  1.75  Mio.  t
(1856-1860)  und  erreichte  schließlich  im  letzten  Friedensjahr  vor  dem  Weltkrieg  12,23  Mio.  t.  Im
gleichen  Zeitraum  wuchs  die  Belegschaft  von  823  auf  51.320  Arbeiter:  Vgl.  KARBACH/THOMES,  S.  237
f.  1913  förderte  der  Saarbergbau  etwa  7%  der  deutschen  Gesamtproduktion:  Vgl.  SWS  5  (1931),  S.  11.
Vgl.  zum  saarländischen  Steinkohlenbergbau  vor  1920  allgemein:  BANKEN.  Bd.  1,  S.  66-209;  Bd.  2,
S.  24-284;  Herr/Jahns,  S.  149-173,  S.  176-  180  und  S.  184-191;  Morgenroth,  S.  1-92.
Vgl.  zur  saarländischen  Eisenhüttenindustrie  vor  1920  allgemein:  Banken,  Bd,  2.  S.  285-515;
BARIETY:  Le  röie  de  la  minette,  S.  235-243;  Seibold,  S.  49-106.
Vgl.  Herrmann:  Das  Saarrevier,  S.  9  f.

21
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.