Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

Wie  viele  zeitgenössische  Beobachter  setzte  auch  der  Bund  große  Hoffnungen  in  die
informellen  Gespräche,  die  Mitte  August  1926  zwischen  den  Außenministern  Frankreichs
  und  Deutschlands  im  französischen  Thoiry435  stattfanden.  Ohne  über  Einzelheiten
  informiert  zu  sein,  spekulierte  der  „Saar-Freund“  schon  über  die  zu  erwartende
  Summe  für  den  Rückkauf  der  saarländischen  Gruben  durch  die  Reichsregierung
  und  beteiligte  sich  ebenso  an  der  Diskussion  über  die  künftige  verwaltungspolitische
  Zuordnung  des  Saargebietes  nach  seiner  Rückgliederung436.  Als  sich  im
Laufe  des  Herbstes  allerdings  immer  stärker  abzeichnete,  daß  sich  Briand  in  Frankreich
  nicht  gegen  seine  politischen  Gegner  würde  durchsetzen  können  und  die  in
Thoiry  getroffenen  Vereinbarungen  in  absehbarer  Zeit  nicht  zu  realisieren  sein
würden,  kehrte  der  „Saar-Freund“  nach  einer  kurzen  Phase  der  Mäßigung  in  sein
altes  Fahrwasser  zurück:  Erneut  war  wieder  die  Behauptung  zu  lesen,  daß  Frankreich
gemeinsam  mit  Rußland  den  Krieg  systematisch  vorbereitet  und  vom  Zaun  gebrochen
habe.  Ende  1926  galt  der  Vertrag  von  Locarno  nur  noch  als  „angebliche  Friedensgarantie“
  bzw.  „Papierfrieden“437,  und  ein  halbes  Jahr  später  konstatierte  ein  unbekannter
  Autor:  „Der  Geist  von  Locarno  ist  tot,  Thoiry  zur  historischen  Erinnerung
geworden.  Der  Poincarismus  regiert  wieder  in  Frankreich.“438  Bis  zur  Aufnahme  der
deutsch-französischen  Saarverhandlungen  in  Paris  im  Herbst  1929  hielt  der  Bund  an
dem  Grundsatz  fest,  daß  sich  die  mit  „Thoiry“  und  „Locarno“  geweckten  Erwartungen
  als  Illusionen  erwiesen  hätten  und  warnte  vor  französischen  Offerten,  die  unter
dem  Deckmantel  der  Verständigungsbereitschaft  nichts  anderes  wollten,  als  die
französischen  Wirtschaftsinteressen  über  das  Datum  der  Rückgliederung  hinaus  zu
befriedigen.  Ein  deutscher  Verzicht  auf  die  Abstimmung  kam  für  ihn  nur  als  Folge
französischer  Konzessionen  in  Frage439.
Nachdem  die  Saarfrage  auf  der  vorangegangenen  Konferenz  in  Haag  ausgeklammert
worden  war,  stieß  die  Aufnahme  direkter  bilateraler  Gespräche  zwischen  der  deutschen
  und  französischen  Regierung  auf  allgemeine  Zustimmung  in  der  Berliner
Königgrätzer  Straße440.  In  der  ergebnisoffenen  Situation  des  Herbstes  1929  beanspruchte
  die  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  für  sich  zwei  Aufgabenfelder:  Wie  in
den  zurückliegenden  Jahren  auch  wollte  sie  weiterhin  ihre  Funktion  als  Hüterin  der

SF  7  (1926)  4,  S.  64.
435  Zum  Höhepunkt  der  Aussöhnungspolitik  vgl.  POULAIN;  StRBURG:  Das  Gespräch  zu  Thoiry  1926.
ADAP  B  1/2,  Dok.  88,  S.  188-191  und  Dok.  94,  S.  202-210;  AdR,  Kabinett  Marx  III/1V.  Dok.  83,  S.
209-285  und  Dok.  84.  S.  235-240.
436  Vgl.  SF  7  (1926)  19,  S.  352  f.;  SF  7  (1926)  21,  S.  393;  SF  6  (1925)  23,  S.  378  f.;  SF  6  (1925)  24,  S.
401  ff.;  SF7  (1926)  10,  S.  149  f.;  SF  7  (1926)  17,  S.  308  f.;  SF7  (1926)  20.  S.  367  ff.;  SF  7  (1926)
21,  S.  381-384;  SF  7  (1926)  22,  S.  402  f.
437  SF  7  (1926)  24,  S.  430.
438  SF  8  (1927)  15,  S.  241.
439  Vgl.  Rundschreiben  der  GSV  (Januar  1927),  in:  StA  Saarbrücken,  Großstadt  802;  Jahres-Rückschau
1928,  S.  5-8;  Einladungsschreiben  zur  Bundestagung  (Juni  1928),  in:  BA-R  8014/49.
440  Insgeheim  fühlte  sich  die  GSV  sogar  als  Wegbereiterin  der  Verhandlungen:  Vgl.  SF  10  (1929)  4,  S.
69.

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