Die zweite Fragestellung, der sich diese Arbeit zuwendet, ist die Analyse der unterschiedlichen
Ausprägungen der Saarpropaganda.
Dabei orientiert sie sich in groben Zügen an dem eingängigen Zehn-Phasen-Modell
von Jo wett und 0' Donnell, untersucht also die der Propaganda zugrunde liegende
Ideologie und den Kontext, in welchem die Propaganda betrieben wurde35. Welche
Medien und welche außergewöhnlichen Techniken setzte die private Saarpropaganda
ein? Gab es Interdependenzen mit französischen (Propaganda-) Organisationen?
Welcher Adressatenkreis wurde angesprochen und wie reagierte dieser aut die
jahrelange Indoktrination? Die Evaluierung von Bewußtseinsveränderungen, wie sie
seit längerem von der Forschung gefordert wird’6, erweist sich in der praktischen
Umsetzung als Problem, insbesondere dann, wenn kaum mehr eine Befragung der
angesprochenen Zielgruppe möglich ist37 *. Die Frage nach der Wirkung und Effizienz
der Saarvereinspropaganda war auch diese Arbeit nicht mit letzter Gewißheit zu
beantworten imstande. Es scheint zwar plausibel, daß es Theodor Vogel und seinen
Mitstreitern während ihrer 15jährigen Tätigkeit gelungen ist, eine kurzfristige Veränderung
des Wissens, der Einstellung und des Verhaltens bei den Rezipienten3*
durch ihre unermüdliche Agitation herbeizuführen, doch ließen sich für diese These
keine eindeutigen Beweise finden. Allein aus dem Ausgang des Plebiszits diese
Schlußfolgerung zu ziehen, hieße die durch neuere Kommunikationskonzepte als
überholt geltende „Stimulus-Reaktions-Theorie“ der zwanziger Jahre unreflektiert zu
neuen Ehren kommen zu lassen36. Zudem haben verschiedene Arbeiten umfasssend
belegt, daß selbst die lange Zeit als höchst effizient geltende nationalsozialistische
Propaganda ins Leere laufen konnte411.
* * *
Wenige Tage vor der Saarabstimmung gab Reichsaußenminister von Neurath seinem
Kabinettskollegen Frick im Innenministerium zu bedenken, daß bei der Rückgliederung
des Saargebietes als geschlossene Verwaltungseinheit die in Versailles
künstlich geschaffene Lösung verewigt und dadurch nachträglich anerkannt werde.
Aus außenpolitischen Erwägungen sei die Reichsregierung hingegen daran interessiert,
das Versailler Konstrukt aus der Geschichte verschwinden zu lassen, weshalb
35 Vgl. Jowett/ O Donnell, S. 279-298. hier: S. 280. Da die einzelnen Aspekte nicht logisch-hierarchisch
aufeinander aufbauen, wurde in dieser Arbeit eine andere Reihenfolge gewählt.
36 Vgl. Verhey: Neuere Arbeiten zur Propagandageschichte, S. 632.
37 Das ursprüngliche Vorhaben, Zeitzeugenbefragungen im größerem Stil durchzuführen, um die Wahrnehmung
des BdS durch die saarländische Bevölkerung nachzuzeichnen, erwies sich als nicht realisierbar.
Stichproben zeigten, daß in der Erinnerung der Befragten verschiedene Details der zweiten
Saarabstimmung in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg projiziert wurden und daher die Aussagekraft
der Zeugnisse zu relativieren war.
38 Hierin unterscheidet sich die Propaganda des BdS von der herkömmlichen politischen, ideologischen
oder religiösen Propaganda, da sie keine längerfristige Bewußtseinsveränderung oder dauerhafte
Bindung anstrebte, sondern nahezu ausschließlich auf die Abstimmung 1935 fixiert war.
39 Vgl. hierzu: EURICH, S. 124 ff. Zur Wirkung von Kommunikation: Merten/ Giegler/ Uhr, S. 11-37.
Vgl. beispielsweise KERSHAW und WELCH: Propaganda and Indoctrination in the Third Reich.
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