erste Völkerbundsregierung aber, den Abzug der zu Garnisonstruppen umgewandelten
französischen Regimenter zu verzögern343.
Bis zur Entspannungsperiode zwischen Frankreich und Deutschland in der zweiten
Hälfte der zwanziger Jahre sah es der Saarverein als eine seiner vordringlichsten
literarisch-publizistischen Aufgaben an. die im Saartal stationierten Truppen um
jeden Preis zu diskreditieren. Die Gründe für deren vertragswidrige Anwesenheit
schienen offensichtlich: Die saarländische Bevölkerung sollte eingeschüchtert
bleiben und daran gehindert werden, ihre freie Überzeugung öffentlich zu artikulieren.
Außerdem leisteten die Truppen Spitzeldienste gegen Deutschland, erfüllten den
Zweck von Etappenformationen für die französischen Regimenter im Rheinland und
sollten aus ausschließlich propagandistischen Gründen bis zur Abstimmung 1935 an
der Saar bleiben '44 345. Infolgedessen wurde jeder noch so belanglose Zwischenfall
wiedergegeben, jedes noch so fragwürdige Gerücht aufgegriffen, wenn es nur dem
Ziel diente, die Anwesenheit der französischen Soldaten in ein schlechtes Licht zu
rücken. Hierbei schwang sich der „Saar-Freund“ immer dann zum Hüter der Moral
auf, wenn die Gefahr drohte, daß Teile der saarländischen Bevölkerung mit den
Franzosen fraternisierten.
Abgesehen von juristischen Erwägungen wie dem Verstoß gegen das Saarstatut, der
sich aus der reinen Präsenz bewaffneter regulärer Verbände ergab, prangerte der
„Saar-Freund“ bis zum Abzug der Truppen unerläßlich vermeintliche und tatsächliche
Verfehlungen der Franzosen an. Sie wurden nicht nur für die dramatische
Verschärfung der Situation auf dem saarländischen Wohnungsmarkt und das ungehinderte
Werben für die Fremdenlegion verantwortlich gemacht, ihnen wurden nicht
allein die Flurschäden zur Last gelegt, die Truppenbewegungen und Manöver anrichteten343,
sondern der „Saar-Freund“ schreckte nicht davor zurück, die Angehörigen
der französischen Garnison ihrer menschlicher Züge zu entkleiden. Ausführlich
schilderte er die Willkürakte gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung. Die französische
„Landplage“346 achte weder auf die primitivsten Regeln des Anstandes noch
auf das Leben der Saarländer, die fast täglich gewaltsamen Übergriffen ausgeliefert
seien. Wildes nächtliches Schießen betrunkener Soldaten im Wald war noch einer der
harmloseren Vorwürfe: durch gezielten - natürlich ungerechtfertigten - Waffen¬343
Vgl. zu den folgenden Auseinandersetzungen um die Reduzierung des französischen Militärs:
Bumiller; Hirsch: Saar von Genf, S. 14-17: Weißbuch. Dok. 86-107, S. 129-152. Exemplarisch
für die Position des BdS: SF 11 (1930) 15, S. 293 f.: SF 11 (1930) 18, S. 333-336; SF 11 (1930)24,
S. 434-438.
344 Vgl. SF 4 (1923) 2, S. 17; SF 4 (1923) 6/7, S. 71. Gänzlich an den Haaren herbeigezogen war die
letzte Behauptung nicht, wie eine Denkschrift von Anfang 1926 zeigt (in: MAE, Sarre 13).
345 Vgl. SF 1 (1920) 11, S. 82; SF 6 (1925) 9. S. 137 f.; SF 7 (1926)7, S. 111 f.; SF 8 (1927) 6, S. 88 f.;
SF 8 (1927) 15, S. 236 f. Vgl. zu den Werbemaßnahmen: SF 1 (1920) 1, S. 6; SF 1 (1920) 12. S. 98;
SF 2 (1921) 20. S. 293; SF 6 (1925) 6. S. 94; SF 6 (1925) 7, S. 113; SF 6 (1925) 14. S. 228 f.; SF 6
(1925) 15, S. 249; SF 6 (1925) 17.S.286; SF7G926) 15,S. 241.
346 SF 7 (1926) 9. S. 142.
191