Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

weitgehend  mit  Gleichgültigkeit  aufgenommen,  zugleich  aber  als  willkommene
Gelegenheit  genutzt,  seine  Politik  der  Unterdrückung  erneut  zu  brandmarken"2.
Trotz  aller  Ressentiments,  die  der  „Saar-Freund'1  der  Regierungskommission  als
Institution  entgegenbrachte,  ernteten  ihre  neuen  Mitglieder  in  späteren  Jahren  zunächst
  Vorschußlorbeeren  -  sofern  sie  nicht  offensichtlich  dem  französischen  Lager
zuzurechnen  waren  '33.  Es  lag  in  der  Natur  der  Sache,  daß  sich  die  drei  Nachfolger
Raults  als  Präsidenten  der  Regierungskommission  stärker  der  Kritik  an  ihrer  Amtsführung
  ausgesetzt  sahen  als  die  Verantwortlichen  der  anderen  Ressorts.  Die  Reichsregierung
  forcierte  dabei  aus  außenpolitischen  Erwägungen  keineswegs  die  Ernennung
  eines  saarländischen  Präsidenten,  da  sich  die  prodeutsche  Propaganda  hätte
größere  Zurückhaltung  auferlegen  müssen,  während  der  deutsche  Vorsitzende
gezwungen  gewesen  wäre,  Entscheidungen  mitzutragen,  die  den  Interessen  des
Reichs  entgegenstanden332 334.
Das  Verhältnis  zu  den  insgesamt  vier  saarländischen  Mitgliedern  der  Regierungskommission,
  die  in  aller  Regel  für  Landwirtschaft,  Gesundheitswesen,  Volkswohlfahrt
  und  Sozialversicherung  zuständig  waren,  läßt  sich  nicht  auf  einen  Nenner
bringen:  Alfred  von  Boch  (1920)  zollte  der  Verein  vor  allem  rückblickend  Anerkennung
  für  seine  Entscheidung,  aus  Protest  gegen  das  Vorgehen  Raults  während  des
Beamtenstreiks  zurückzutreten.  Jacob  Hector  (1920-1923)  sah  sich  wegen  seines
profranzösischen  Kurses  von  Anfang  an  heftiger  Kritik  ausgesetzt335,  während  sein
Nachfolger  Julius  Land  (1923-1924)  als  Marionette  in  den  Händen  der  französischen
Partei  galt  und  sich  durch  sein  Eintreten  für  eine  Notverordnung  vollends  diskreditierte336.
  Erst  zu  Bartholomäus  Koßmann  (1924-1935)  entwickelte  sich  nach  anfänglichen
  Differenzen  ein  weitgehend  reibungsfreies  Verhältnis337.

332 Vgl.  SFll  (1930)  15,  S.  293;  SF  15  (1934)  18,  S.  338  f.
ni  Im  kanadischen  Mitglied  Richard  Deans  Waugh  schien  die  prodeutsche  Partei  sogar  einen  Fürsprecher
  gefunden  zu  haben,  der  infolgedessen  explizit  von  der  Kritik  ausgenommen  wurde.  Waugh  geriet
mehrfach  mit  seinen  Kollegen  in  Konflikt:  Beispielsweise  erklärte  er.  daß  der  Versailler  Vertrag  für
ihn  seine  Bibel  sei  „et  il  faudrait  etre  sür  de  ne  pas  aller  ä  l’encontre  de  ses  dispositions“,  worauf
Moltke-Huitfeld  ihm  antwortete,  daß  es  die  Aufgabe  der  Reko  sei,  den  Vertrag  eben  genau  wie  die
Bibel  zu  interpretieren:  Vgl.  Proces-Verbal  vom  28.07.20,  in:  LA  Saarbrücken,  NL  Koßmann  1.
334  Vgl.  Brief  von  Bülows  an  die  deutsche  Delegation  in  Genf  (29.09.30),  in:  PA  AA,  Referat  Völkerbund,
  R  97.302.
335  Als  kommissarischer  Bürgermeister  von  Saarlouis  hatte  der  Arzt  (1872-1954)  im  Juli  1919  eine  nicht
autorisierte  Ergebenheitsadresse  der  Stadt  an  Clemenceau  gerichtet.  Da  er  in  einem  Gerichtsverfahren
unter  Eid  leugnete,  das  Schreiben  verfaßt  zu  haben,  mußte  er  im  März  1923  zurücktreten.  Für  ihn
hatte  der  Meineid  jedoch  keine  juristische  Konsequenzen:  Vgl.  die  Sammelmappe  „Dr.  Hector
Saarlouis  Landesverrat“  (1919-1934),  in:  BA-R  8014/894.  Im  eigentlichen  Abstimmungskampf
betätigte  er  sich  ebenso  wie  sein  Sohn  Edgar  in  der  „Saarländischen  Wirtschaftsvereinigung“  zugunsten
  des  Status  quo:  Vgl.  ZENNER:  Parteien  und  Politik,  S.  314  f.
336  Vgl.  SF  4  (1923)  16,  S.  232;  SF  5  (1924)  3,  S.  31  f.
337  Über  Koßmann  (1883-1952)  war  ein  Dossier  in  der  GSV  angelegt  worden,  mit  welchem  er  wegen
seines  Eintretens  für  den  Verbleib  General  Andlauers  1919  hätte  an  den  Pranger  gestellt  werden
können.  Während  seiner  Zeit  als  Präsident  des  Landesrates  stand  er  mehrfach  im  Zentrum  der  Kritik:
Vgl.  undatiertes  Dossier,  in:  BA-R  8014/891;  SF  3  (1922)  3,  S.  30;  SF  3  (1922)  8,  S.  92  f.;  SF  3
(1922)  15,  S.  233.  Zu  Koßmann  allgemein,  der  1944  im  Zusammenhang  mit  dem  Attentat  auf  Hitler

189
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.