allen voran Vogel - noch immer dem wilhelminischen
Obrigkeitsstaat nachtrauerten325.
Aufgrund seiner autokratischen Amtsführung manifestierte
sich die Kritik am Fünfergremium in erster Linie an dessen
erstem Präsidenten Victor Rault326. Der Völkerbundsrat
hatte einen Franzosen zum Vorsitzenden ernannt, da
Frankreich bedeutende Vorrechte bei den Gruben eingeräumt
worden waren und es daher einer reibungslosen
Koordinierung bedurfte. Raults starke Position beruhte
darauf, daß seine Stimme innerhalb der Kommission den
Ausschlag gab, ferner oblagen ihm die Ressorts des Inneren.
der auswärtigen Angelegenheiten sowie der Handel,
die Industrie und das Arbeitswesen. Sein Selbstverständnis
äußerte er offen gegenüber einem französischen Abgeordneten, der ihm seine Unterstützung
zur Verteidigung der französischen Interessen an der Saar zugesichert hatte.
Er sei, so Rault. gleichzeitig Präsident der Regierungskommission und „Commissaire
français chargé de défendre des intérêts de la France“, weshalb er von dem Wunsch
beseelt sei. der französischen Sache zu einem Triumph zu verhelfen'2'.
Selbst in den Fällen, in welchen die Regierungskommission als Ganze aktiv geworden
war, bildete Rault den Kristallisationskern der Saarvereinspolemik; er war
gleichermaßen die Quelle wie auch die Personifizierung allen Übels, das aufgrund
des Saarstatuts über das Mandatsgebiet hereingebrochen war. Als „französischer
Annexionskommissar" habe er seinerzeit vom Minister für den Aufbau der zerstörten
Gebiete geheime Anweisungen erhalten 28, die er in den sechs Jahren seiner Präsidentschaft
rücksichtslos umzusetzen gewillt gewesen sei. Sogar vor versteckten
Aufrufen zur Selbstjustiz schreckte der „Saar-Freund“ nicht zurück329. Insbesondere
anläßlich seiner alljährlichen Bestätigung stand Rault unter publizistischem Beschuß
und wurden sämtliche Vorwürfe aufs neue aufgerollt330. Entsprechend groß war die
Freude über seine Demission im Frühjahr 1926331. Sein Tod im Sommer 1930 wurde
Victor Rault
325 Vgl. SF 7 (1926) 14, S. 213 f.
326 Rault. der bis Kriegsende Präfekt in Lyon gewesen war, beherrschte weder die deutsche Sprache noch
konnte er als ausgewiesener Kenner Deutschlands gelten. Selbst Jean Revire, einer der ambitioniertesten
Streiter für die französische Sache, räumte Ende der zwanziger Jahre ein, daß die französische
Entscheidung, Rault als Vorsitzenden der Reko zu nominieren, ein Fehlgriff war: Vgl. Revire:
Perdrons-nous la Sarre?, S. 41 f.
327 Vgl. Brief Raults an den Abgeordneten Bouvet (Januar 1921), in: MAE, Sarre 2. Ähnlich charakterisierte
er auch im Juli 1923 vor dem Völkerbundsrat seine Doppelrolle: Vgl. JO 4 (1923) 8, S. 909.
328 SF 2 (1921) 21, S. 298.
329 Vgl. SF 6 (1925) 14. S. 225 f.
330 Vgl. beispielsweise SF 7 ( 1926) 7, S. 104.
331 Vgl. Brief Raults an Generalsekretär Drummond (23.02.26), in: Areh. SDN 19-27, Sous-Section Saar
Basin. R 102/11.348; SF 7 (1926) 5. S. 70 f.; SF 7 (1926) 6, S. 86 f.; SF 7 (1926) 7. S. 103 ff.
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