Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

wurden  verhaftet;  unter  dem  nun  wieder  geltenden  Kriegsrecht  verhängte  Andlauer
teilweise  drakonische  Strafen  gegen  aufgegriffene  Aufrührer314.
Das  Ausmaß  der  Beteiligung  der  Berliner  Geschäftsstelle  an  diesen  Krawallen  ist
schwer  zu  ermessen.  Aus  dem  Lager  der  USPD  und  von  seiten  der  Franzosen  wurde
der  Vorwurf  erhoben,  sowohl  der  Streik  als  auch  die  anschließende  Eskalation  der
Gewalt  seien  vom  „Heimatdienst“  inszeniert  worden315.  Wahrscheinlicher  dürfte
hingegen  sein,  daß  die  Vertrauensleute  Vogels  bzw.  der  RfH  die  bereits  ausgebrochenen
  Unruhen  geschickt  nutzten,  um  die  französische  Besatzungsmacht  zu  weiteren
unpopulären  Maßnahmen  zu  provozieren  und  auf  diese  Weise  die  vorhandene
Unzufriedenheit  in  der  saarländischen  Bevölkerung  zu  schüren.  Gänzlich  unbeteiligt,
wie  sie  stets  beteuerte,  war  die  Geschäftsstelle  sicherlich  nicht316.
Vogel,  der  schon  Monate  vor  deren  Amtsantritt  -  ohne  Kenntnis  ihrer  späteren
Zusammensetzung  -  jede  Kooperation  mit  der  Regierungskommission  entschieden
ablehnte317,  sorgte  dafür,  daß  ihr  zu  Jahresbeginn  1920  keinerlei  Vertrauensbonus
eingeräumt  wurde.  Er  unterstellte  ihr,  lediglich  die  Marionette  Frankreichs  zu  sein
und  ihre  proklamierte  Unabhängigkeit  könne  sie  allein  dadurch  unter  Beweis  stellen,
daß  sie  nicht  nur  offiziell  das  Besatzungsregime  beende,  sondern  fortan  energisch  der
französischen  Militäradministration  die  Stirn  biete318.  Zweifel  am  Willen  der  Kommission
  zur  Umsetzung  dieser  Forderungen  wurden  schon  nach  wenigen  Wochen
laut.  De  facto  bestünde  die  Militärdiktatur  an  der  Saar  durch  das  Fünferkollegium
weiter;  lediglich  die  Uniformen  seien  ausgezogen  worden319.  Von  nun  an  rissen  die
Vorwürfe  nicht  mehr  ab,  daß  die  Regierungskommission  keinerlei  Interesse  zeige,  die
französische  Nebenregierung  an  der  Saar  tatsächlich  in  die  durch  das  Saarstatut
vorgegebenen  Schranken  zu  weisen.  Obwohl  sie  verpflichtet  sei,  jeden  Eingriff  in
ihre  Kompetenzen  seitens  einer  anderen  Regierung  zurückzuweisen  und  gegebenenfalls
  die  Hilfe  des  Völkerbunds  anzurufen,  verhalte  sie  sich  nicht  neutral,  sondern
begünstige  in  frappierender  Weise  die  französischen  Interessen.  Mit  der  Regierungskommission
  hatte  die  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  ihren  Ersatzfeind  gefunden:  In
überblicksartigen  Zusammenfassungen  komprimiert  häuften  sich  fortan  die  Meldungen
  im  „Saar-Freund“  über  deren  profranzösische  Ausrichtung.  Der  Vorwurf,  die
Regierungskommission  leiste  den  französischen  Annexionsbestrebungen  Vorspann¬314

  Vgl.  MALLMANN:  „Jetz’  mache  mir  de  Spartakus!“;  MALLMANN/STEFFENS,  S.  143-149.
,|S  Vgl.  „Volksstimme“  Nr.  194  (20.08.20);  ..Rapport  au  sujet  du  ,Heimatdienst1“  (16.07.20),  in:  MAE.
Allemagne  415.
116  „Wir  haben  unsere  Hand  dabei  mit  im  Spiel,  die  Franzosen  werden  noch  manche  Überraschung  dort
erleben.  Der  Saarbrücker  wird  nie  Franzose  und  Saarbrücken  niemals  französisch.“:  Brief  Vogels  an
HilgerOO.IO.19),  in:  BA-R  8014/9.
317  Vgl.  Brief  der  GSV  an  Dr.  Maurer  (29.10.19),  in:  BA-R  8014/141.
318  Vgl.  SF  1  {1920)4,  S.  13-17;  SF  1  (1920)4.  S.  21  f.t  SF  1  (1920)5/6,  S.  26;  SF  1  (1920)5/6.  S.  31.
319  Vgl.  SF  1  (1920)  8,  S.  46  f.  Die  Reko  sei  nichts  anderes  „als  eine  durchsichtige  Maske  vor  dem  Bild
der  reinen  französischen  Militärdiktatur“  (Vortrag  Zillessen  vor  der  Berliner  Ortsgruppe  (27.07.20),
in:  SF  1  (1920)  15,  S.  133)  bzw.  „eine  Attrappe  in  den  Händen  der  französischen  Militärpartei“:  SF
1  (1920)2,5.221.

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