Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

„Alles  Unheil,  das  die  Welt  heute  bedroht,  alle  Not  und  alles  Elend,  die,  wie  die  gespenstigen
Reiter  der  Apokalypse,  vor  keinem  Teil  der  Erde  mehr  haltmachen,  sind,  mittelbar  oder  unmittelbar,
  verursacht  durch  ein  Dokument,  das  der  Welt  einst  als  einzige  Garantie  des  Völkerglücks
  angepriesen  wurde:  durch  den  Versailler  Vertrag!“3"
Nach  dem  Scheitern  der  deutsch-französischen  Gespräche  intensivierte  der  „Saar-Freund“
  nochmals  seine  Anstrengungen,  die  Schwächen  des  Versailler  Vertrag
aufzuzeigen,  „objektive“  Beweise  für  nicht  gegebene  Voraussetzung  vorzulegen  und
Frankreich  als  kriegstreibenden  Aggressor  an  den  Pranger  zu  stellen.
*  *  *
Offenkundigste  Repräsentantin  des  Versailler  Systems  war  die  internationale  Regierungskommission
  des  Saargebiets.  Sie  wurde  zum  Hauptziel  der  Saarvereinsagitation.
Als  Vogel  Ende  Juli  1919  im  Verlauf  seiner  Gespräche  mit  den  saarländischen
Abgeordneten  der  Nationalversammlung  in  Weimar  auch  die  Strategie  für  das  weitere
Vorgehen  im  Saargebiet  erörterte,  herrschte  Einigkeit  darüber,  daß  die  Geschäftsstelle
  die  momentan  ungünstige  Stimmung  gegenüber  der  französischen  Besatzung
ausnutzen  und  die  aus  unpopulären  Maßnahmen  resultierende  Unzufriedenheit'1'
künstlich  wachhalten  sollte,  um  den  gleichzeitigen  Werbemaßnahmen  der  Franzosen
den  Wind  aus  den  Segeln  zu  nehmen.  Insbesondere  der  Arbeiterschaft  sollte  vor
Auge  geführt  werden,  daß  Frankreich  keine  mit  Deutschland  vergleichbare  Sozialgesetzgebung,
  Wohlfahrtseinrichtungen  oder  betriebliche  Mitbestimmung  besaß.  Ferner
war  geplant,  unmittelbar  nach  Antritt  der  Völkerbundskommission  unverzüglich  auf
das  Recht  der  Saarländer  auf  freie  Betätigung  zu  drängen  und  diese  unter  Druck  zu
setzen’13.  Einen  Vorgeschmack  auf  den  künftigen  Konfrontationskurs  der  Berliner
Organisation  erhielten  die  Vertreter  Frankreichs  schon  im  Herbst  1919,  als  es  die
Geschäftsstelle  zu  einer  ersten  indirekten  Kraftprobe  mit  der  französischen  Besatzung
  ankommen  ließ:  Die  Teuerung  im  Saargebiet  hatte  durch  den  Kaufkraftverlust
der  Mark  im  Laufe  des  Jahres  1919  katastrophale  Ausmaße  angenommen,  so  daß
selbst  Produkte  des  täglichen  Bedarfs  entweder  gar  nicht  oder  nur  zu  horrenden
Preisen  zu  erhalten  waren.  Auf  der  anderen  Seite  blühte  trotz  aller  Gegenmaßnahmen
der  Militärverwaltung  der  Schleichhandel.  Spontane  Arbeitsniederlegungen  der
Saarbrücker  Hüttenarbeiter  und  Beschäftigten  der  Eisenbahnwerkstätte  Anfang
Oktober  1919  bildeten  den  Startschuß  für  einen  Generalstreik,  der  innerhalb  eines
Tages  das  gesamte  Saarrevier  erfaßte.  Angesichts  der  Plünderungen  in  den  Städten
erklärte  der  „Administrateur  supérieur“  den  Belagerungszustand,  Etwa  600  Personen

311  Vgl.  SF  12  (1931)  21,  S.  352  ff.,  Zitat:  S.  352.
312  Der  Entzug  ihrer  Deputatkohlen  sorgte  bei  den  Bergleuten  für  großen  Unmut;  zahlreiche  Berichte
über  Vergewaltigungen  und  Einquartierungen  vergifteten  die  Atmosphäre  weiter.  Seine  Strategie,  die
franzosenfeindliche  Stimmung  zusätzlich  anzuheizen,  behielt  der  SF  bei.  So  gab  er  beispielsweise  den
vergleichsweise  üppigen  Speisezettel  der  französischen  Truppen  kommentarlos  wieder,  in:  SF  2
(1921)  12,  S.  156.
313  Vgl.  Protokoll  der  Besprechung  mit  den  saarländischen  Abgeordneten  der  Nationalversammlung
(31.07.19),  in:  BA-R  8014/1058.

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