Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

Unrechtmäßigkeit  der  Franceinführung  oder  die  instrumentalisierte  saarländische
Schulpolitik  könnten  jeweils  eigene  Bände  füllen.
Ungeachtet  eines  frühen  Lippenbekenntnisses  zur  loyalen  Erfüllung  des  Versailler
Vertragswerks  nutzten  die  Männer  und  Frauen  im  Umfeld  der  Geschäftsstelle  „Saar-Verein"
  jede  Gelegenheit,  das  „Teufelswerk,  das  durch  Worte  die  satanischen
Absichten  gewisser  Welttyrannen  verbergen  soll“305,  in  Mißkredit  zu  bringen.  Sei  es,
daß  sie  mit  einschlägigen  Verbänden  kooperierten,  sei  es,  daß  sie  selbst  im  „Saar-Freund"
  an  die  drückendsten  Vertragsbestimmungen  erinnerten306  oder  dafür  plädierten,
  das  Vertragswerk  in  den  deutschen  Schulen  zu  unterrichten307 *  -  stets  hatten  sie
das  Ziel  der  Revision  jener  politischen  Vergewaltigung  vor  Augen,  welche  für  die
Perpetuierung  des  Krieges  verantwortlich  gemacht  wurde.  Deutschland  sei  im  Herbst
1918  mit  später  nicht  eingehaltenen  Versprechen  wie  dem  Selbstbestimmungsrecht
getäuscht  worden  und  die  Verhandlungen  bei  Paris  glichen  eher  einem  groß  angelegten
  Schachergeschäft:
„Am  Schicksalstisch  im  gold’nen  Versailles:
Die  Rache,  das  Recht  und  die  Heuchelei.
Es  würfeln  die  Drei  fiebernd  vor  Gier
Um  deutsches  Land  -  das  Saarrevier.
Die  beinernen  Knobel  sind  grausam  knöchern  -
Wie  Schädel  mit  toten  Augenlöchern.  [...]“3W
Die  äußerst  polemisch  geführte  Agitation  gegen  die  moralisch  verwerfliche  Genese
der  Saarklauseln  sollte  ein  -  überschätztes  -  Instrument  zur  allgemeinen  Revision  des
Versailler  Vertragswerkes  sein.  Auch  nach  über  einem  Jahrzehnt  mußte  der  von  den
Alliierten  diktierte  Frieden  als  Erklärung  für  sämtliche  Mißstände  dienen,  mit  welchen
  das  Deutsche  Reich  seit  dem  Weltkrieg  konfrontiert  war:  Gehörte  es  von
Anfang  an  zum  guten  Ton  der  Republikgegner,  Revolution,  innenpolitische  Kämpfe
und  außenpolitische  Machtlosigkeit  dem  Vertrag  zuzuschreiben109,  so  galt  er  in  den
frühen  Dreißigern  auch  der  Saarvereinigung  für  die  gegenwärtige  Weltwirtschaftskrise
  verantwortlich310.  Die  Revision  des  Vertrages  schien  das  Allheilmittel  zu  sein:

305  SF  3  (1922)  6,  S.  81.
306  Vgl.  SF  2  (1921)  5,  S.  56  f.;  SF  2  (1921)  9,  S.  113;  SF  2  (1921)  11,  S.  141  f.;  SF  3  (1922)  21,  S.  309.
307  Vgl.  SF  1  (1920)  22,  S.  221.  Ebenso  sollte  sich  jeder  Deutsche  täglich  mit  den  Bestimmungen  des
Vertrages  auseinandersetzen:  Vgl.  SF  2  (1921)  5,  S.  56  f.
,'IK  Vorspruch  von  Leopold  Reitz  zur  Neustädter  Bundestagung,  in:  SF  12  (1931)  15/16,  S.  251.  In
seinem  Vortrag  vor  der  Berliner  Ortsgruppe  (27.07.20)  verglich  der  spätere  Bundesvorsitzende
Zillessen  den  Versailler  Vertrag  mit  dem  Diktatfrieden  zwischen  Rom  und  Karthago,  in:  SF  1  (1920)
15,  S.  133.  Vogel  ging  unter  seinem  Pseudonym  Pardolt  sogar  so  weit  zu  behaupten,  daß  Frankreich
mit  seinem  Vorgehen  in  Versailles  aus  der  Reihe  der  Kulturvölker  ausgeschieden  sei:  Vgl.  SF  3
(1922)  16,  S.  237  f.
,(l'’  Vgl.  SCHULZE:  Versailles,  S.  417.  Zur  heutigen  differenzierteren  Wertung  des  Versailler  Vertragswerks
  vgl.  den  von  Krumeich  und  FEHLEMANN  herausgegebenen  Sammelband  Versailles  1919.  Ziele
-  Wirkung  -  Wahrnehmung  und  dort  insbesondere  den  Beitrag  von  WÜRTENBERGER/  SYDOW.
310 Vgl.  „Die  deutsche  Saar  nicht  vergessen.  Ein  Mahnruf  des  ,Bundes  der  Saarvereine'“  (Mai  1932),  in:
LA  Saarbrücken,  Saar-Verein  6.

184
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.