Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

das  Risiko  für  die  Bergleute  erhöhten,  sondern  auch  schwere  Grubenschäden  über
Tage  hervorriefen2  \  sowie  die  allgemeine  Vernachlässigung  des  saarländischen
Bergbaus  zum  Schutz  der  innerfranzösischen  Zechen  an.  Jenseits  der  Polemik  hatten
die  zahlreichen  Berichte  über  den  bedenklichen  Zustand  der  Saargruben  einen  sehr
pragmatischen  Hintergrund:  Da  das  Deutsche  Reich  gezwungen  war.  im  Falle  der
Rückgliederung  an  Frankreich  eine  noch  offene  Summe  in  Goldmark  zu  entrichten,
sollte  der  künftigen  deutschen  Verhandlungsdelegation  vorsorglich  der  Rücken
gestärkt  werden,  den  Wert  der  Zechen  nach  15jähriger  französischer  Verwaltung
möglichst  niedrig  zu  taxieren2’6.  Ein  ähnliches  Ziel  verfolgte  der  „Saar-Freund“,
wenn  er  Behauptungen  aus  dem  Nachbarland  dementierte,  daß  die  saarländische
Wirtschaft  aufgrund  französischer  Verdienste  floriere235 237 238.
Ebenso  wichtig  wie  die  Diskreditierung  der  Völkerbundsadministration  war  die
Werbung  für  die  früheren  Leistungen  des  preußischen  und  bayerischen  Staates  an  der
Saar  s  bzw.  der  finanziellen  Hilfsleistungen  der  Reichsregierung  für  die  in  Not
geratene  Saarwirtschaft239.  Um  zu  verhindern,  daß  sich  die  Saarländer  im  Stich
gelassen  fühlten,  mobilisierte  die  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  die  reichsdeutsche
Öffentlichkeit.  Hierzu  instrumentalisierte  sie  gerne  den  Ausgang  der  Oberschlesienabstimmung
  vom  Frühjahr  1921,  in  welcher  sich  fast  60%  der  dort  ansässigen  bzw.
hingereisten  Bevölkerung  für  den  Verbleib  des  Gebietes  bei  Deutschland  ausgesprochen
  hatten.  Da  die  Kriegsalliierten  keine  Einigung  erzielen  konnten,  legte  der
Völkerbund  die  Grenzziehung  in  einem  Schiedsspruch  fest:  Aufgrund  des  beträchtlichen
  Minderheitenvotums  zugunsten  Polens  mußte  Deutschland  etwa  ein  Drittel  des
Abstimmungsgebietes  mit  dem  wirtschaftlich  wertvolleren  Teil,  der  nahezu  die
gesamten  Steinkohlenvorräte  umfaßte,  an  den  wieder  gegründeten  Nachbarstaat
abtreten'40.  Oberschlesien  galt  fortan  als  Menetekel,  das  der  deutschen  Bevölkerung
die  drohenden  Gefahren  vor  Augen  führen  sollte.  Eine  Teilung  des  Saargebiets
zwischen  Frankreich  und  Deutschland  wurde  für  den  Fall  an  die  Wand  gemalt,  daß
die  bevorstehende  Abstimmung  nicht  ein  überwältigendes  Ergebnis  zugunsten  der
Rückgliederung  bringen  würde241.  Regelmäßig  konstruierte  der  „Saar-Freund“

235  Die  fachlich  inkompetenten  französischen  Ingenieure  hätten  mit  dem  Abbau  von  Sicherheitsstempeln
die  wachsende  Zahl  der  „Opfer  des  französischen  Raubbaus“  zu  verantworten:  SF  2  (1921)  13,  S.  177.
Vgl.  ebenso:  SF  4  (1923)  18.  S.  259;  SF  4  (1923)  22,  S.  287;  SF  4  (1923)  23,  S.  298  f.;  SF  5  (1924)
3,  S.  40;  SF  5  (1924)  4.  S.  57;  SF  6  (1925)  18.  S.  308  f.;  SF  6  (1925)  21.  S.  344:  SF  7  (1926)  3,  S.  42
f.;  SF  7  (1926)  6.  S.  96;  SF  7  (1926)  7,  S.  111;  SF  7  (1926)  12,  S.  195;  SF  7  (1926)  13.  S.  211.
236  Vgl.  SF  2  (1921)  17,  S.  235  ff.
Vgl.  exemplarisch  für  eine  Vielzahl  weiterer  Artikel:  SF  8  (1927)  9,  S.  136  f.;  SF  12  (1931)  19,  S.
317-320  sowie  VOGEL:  Deutsch  die  Saar  immerdar!  (1929).  S.  103-107.
238  Vgl.  SF  2  (1921)  4.  S.  38;  SF  13(1932)  24.  S.  396  f.
2W  Vgl.  stellvertretend  für  mehrere  ähnlichlautende  Artikel:  SF  2  (1921)  23,  S.  340;  SF  3  (1922)  5,  S.  67
ff.;  SF  6  (1925)  22,  S.  371  f.
24(1  Vgl.  NEUBACH,  S.  113-120.  Anfangs  keimte  im  unmittelbaren  Anschluß  an  die  Abstimmung  noch  die
Hoffnung  auf,  daß  das  Selbstbestimmungsrecht  in  Kürze  auch  an  der  Saar  angewandt  werde:  Vgl.  SF
2  (1921)  7,  S.  80;  SF  2  (1921)  16,  S.  221.
241 Siehe  hierzu  die  Warnungen,  sich  die  Teilung  Oberschlesiens  eine  Lehre  sein  zu  lassen,  in:  SF  2

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