Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

politische  Maßnahmen  mit  nationalen  Befindlichkeiten  mischte,  war  es  für  die
Propagandisten  des  Vereins  ein  leichtes,  Entlassungen  und  Lohnkürzungen  nicht  als
Reaktion  auf  eine  allgemeine  Wirtschaftskrise,  sondern  als  Ergebnisse  einer  gezielten
Politik  der  französischen  Grubenverwaltung  und  ihrer  Handlangerin,  der  Regierungskommission.
  anzuprangern.  Folgerichtig  wurde  die  enorme  Produktionssteigerung  in
den  Jahren  1921/22  und  1923/24  als  Indiz  für  den  französischen  Raubbau  angeführt,
während  der  kontinuierliche  Belegschaftsabbau  sowie  die  Stillegung  unrentabler
Grubenbetriebe  Ende  der  Zwanziger  der  arbeiterfeindlichen  und  kurzsichtigen
Betriebsführung  der  Franzosen  zur  Last  gelegt  wurde224 229.  Anfang  März  1928  legte  die
Bergverwaltung  beispielsweise  4.000  Bergleute  auf  den  saarländischen  Gruben  zu
einer  Zeit  ab230,  in  welcher  die  benachbarten  lothringischen  Grubenbetriebe  weiterhin
Bergleute  einstellten.  Es  klang  den  Lesern  des  „Saar-Freund“  plausibel,  daß  dies  in
Hinblick  auf  die  Abstimmung  aus  politischem  Kalkül  geschah231.
Um  die  Pläne  Frankreichs  zu  durchkreuzen,  aus  der  wirtschaftlichen  Dominanz  an
der  Saar  einen  dauerhaften  politischen  Vorteil  zu  ziehen,  warnte  der  „Saar-Freund“
praktisch  ununterbrochen  vor  jeder  noch  so  geringfügigen  Veränderung,  die  auf
Anweisung  der  Pariser  Regierung  in  die  Wege  geleitet  worden  war,  erhob  in  regelmäßigen
  Abständen  Vorwürfe  gegen  die  vermeintlich  inakzeptabel  niedrigen
Löhne232,  die  Begünstigung  des  französischen  Staates  aufgrund  reduzierter  Steuerzahlungen2'3
  oder  die  fehlenden  Voraussetzungen  für  die  weitere  Aufrechterhaltung
der  Versailler  Wirtschaftsordnung  an  der  Saar234.  Ebenso  prangerte  sie  den  scheinbar
rücksichtslosen  Raubbau,  die  unzureichenden  Sicherungsmaßnahmen,  die  nicht  nur

224  Anders  als  die  preußische  Bergvervvaltung,  die  langfristige  Lieferverträge  abgeschlossen  hatte  und
aufgrund  dessen  nicht  den  Risiken  größerer  Preisschwankungen  ausgeliefert  gewesen  war,  nutzte  die
„Administration  des  Mines  Domaniales“  auch  kurzzeitige  Konjunkturen  und  glich  Rezessionen  durch
Entlassungen  sowie  Feierschichten  im  Bereich  ihrer  saarländischen  Manövriermasse  aus:  Vgl.
Hellwig:  Saar  zwischen  Ost  und  West,  S.  33-39:  Herr/  Jahns,  S.  201-204;  SF  6  (1925)  11.  S.  172
f.;  SF7  (1926)  16,  S.  274-278,
230  Die  Saargänger,  deren  Wohnorte  außerhalb  des  Saargebietes  lagen,  waren  überproportional  von  diesen
Entlassungen  betroffen:  1925  arbeiteten  etwa  8.000  (  11,2%  der  Gesamtbelegschaft)  auf  den  Saarzechen,
  1934  waren  es  nur  noch  1.600  (3,3%):  Vgl.  Blaich,  S,  73,  Vgl.  ebenso:  AdR,  Müller  II,  Dok.
12,  S.  48  f.  ((23.07.28):  Dok.  89,  S.  312  (17.12.28);  Dok.  449,  S.  1471  (  17.02.30).
23!  Angesichts  dieser  Politik  klagte  der  SF  sogar  die  saarländischen  Bergleute  an,  sich  der  „Brotlosmachung
  [ihrer  ...J  Kameraden  in  der  Heimat“  schuldig  zu  machen,  wenn  sie  sich  über  die  Grenze
hinweg  in  Lothringen  anwerben  ließen:  Vgl.  SF  9  (1928)  17,  S.  323.
232  Vgl.  SF2  (1921)  9,  S.  121;  SF  6  (1925)  2,  S.  25  ff.;  SF  5  (1924)  3,  S.  39;  SF5  (1924)  12.  S.  170;  SF
15  (1934)  12,  S.  232  f.
233  Dem  saarländischen  Fiskus  entgingen  Millionen  an  Steuereinnahmen,  da  die  „Administration  des
Mines  Domaniales“  nur  8,3%  anstatt  der  fälligen  30%  entrichtete:  Vgl.  SF  7  (1926)  9,  S.  136  f.;  SF
7  (1926)  16,  S.  281  ff.
234  Schon  sehr  früh  erhob  das  Blatt  die  Behauptung,  daß  die  kriegsbedingten  Förderausfälie  in  Nordfrankreich
  wettgemacht  worden  seien  und  der  Nachbar  daher  kein  Anrecht  mehr  auf  die  reparationsartigen
  Importe  aus  dem  Saargebiet  besäße:  Vgl.  SF  3  (1922)  6,  S.  94:  SF  3  (1922)  23,  S.  345  f.;  SF
4  (1923)  15,  S.  201;  SF  5  (1924)  9,  S.  135;  SF6  (1925)  1,  S.  3;  SF6  (  1925)  22,  S.  362  f.  Tatsächlich
förderten  die  französischen  Gruben  in  den  beiden  Départements  du  Nord  und  Pas-de-Calais  erst  1924
wieder  die  gleiche  Menge  wie  im  letzten  Vorkriegsjahr:  Vgl.  Bariéty:  Les  relations,  S.  763.

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