Möglichkeit erhielt, sich auf Kosten des Reiches zu profilieren. Gleichzeitig galt es,
das Bild der treusorgenden „deutschen Mutter” frühzeitig im Bewußtsein der Saarbevölkerung
zu verankern, bot doch ein positiv besetztes Image des Deutschen Reiches
die beste und sicherste Gewähr für den erfolgreichen Ausgang des Plebiszits über die
künftige staatsrechtliche Zugehörigkeit des saarländischen Industriereviers212.
Der Loyalitätsverlust der deutschen Behördenvertreter vor Ort und - da diese das
geschlagene Reich repräsentierten - Deutschlands insgesamt war abzusehen, wenn
es nicht gelingen würde, die ausreichende Ernährung der Bevölkerung zu organisieren.
Die französische Besatzung schien leichtes Spiel zu haben, als sie das Saargebiet
mit verbilligten Lebensmitteln versorgte, zumal die Saarländer während des Krieges
Nahrungsmittelengpässe am eigenen Leib hatten erfahren müssen und die im saarländischen
Kohlenrevier grassierende hohe Teuerungsrate die bescheidenen Lohnerhöhungen
seit Kriegsende wieder entwertete213. Ungeachtet dessen, daß Frankreich
schon aufgrund internationaler Abkommen verpflichtet war, die Versorgung der
Zivilbevölkerung in einem besetzten Gebiet zu gewährleisten, und die Aufrechterhaltung
der Arbeitskraft eine ökonomische Selbstverständlichkeit war, konnten sich die
neuen Machthaber als Garanten für das Wohlergehen der Saarländer präsentierten214 215.
Ein geeigneter Ansatzpunkt für die doppelte Propagandaaufgabe, Frankreichs
„Wohltaten“ ins Leere laufen zu lassen und dem sukzessiven Schwinden der Loyalität
zu Deutschland entgegenzutreten, bot die Lebens-, Futter- und Düngemittelversorgung:
Anfang November 1919 wandte sich die Geschäftsstelle „Saar-Verein”
an das Reichswirtschaftsministerium mit der Bitte, im Saargebiet für ein ausreichendes
Angebot an günstigen Kartoffeln zu sorgen. Hierbei akzentuierte Vogel deutlich
die propagandistische Wirkung213. Auch nach dem Antritt der Regierungskommission,
die ebensowenig wie zuvor die französische Besatzung in die Lage versetzt
werden sollte, die Verbesserung der Ernährungslage als ihr Verdienst ausweisen zu
können, setzte die Geschäftsstelle ihre Bemühungen auf diesem Gebiet fort216.
212 Die Allegorie war keineswegs eine propagandistische Erfindung der DF im Abstimmungskampf: Vgl.
SF II (1930) 19, 355 f.; SK 9 (1931), S. 31 f.
213 Vgl. Mallmann/ Steffens, S. 143 f.
214 Vgl. Marvaud, S. 46-49.
215 Vgl. Brief der CSV an das RMWirtschaft (06.11.19), in: BA-R 8014/662. Am 15.11.19 teilte das
Ministerium für öffentliche Arbeiten die Bewilligung von 20.000 Zentnern Kartoffeln aus Pommern
für die Saar mit: Vgl. ebd. Die RfH wandte im Vorfeld der Abstimmungen im Osten die gleichen
Methoden an: „Der Bruchteil einer Mehrzufuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen beispielsweise -
propagandistisch genutzt - hat viel mehr Wirkung und Erfolg als das Vielfache an Menge und Wert
ohne propagandistische Auswertung.“: Brief der RfH an die Reichskanzlei (20.04.20), in: BA-R 43-1/2504.
216 Dabei intervenierte sie sowohl zugunsten der allgemeinen Versorgungslage als auch einzelner
saarländischer Unternehmen. Als Reaktion auf die mangelnde Beachtung des Saargebietes auf der
Berliner Ausstellung „Deutscher Rhein - deutscher Wein“ im Frühjahr 1927 startete im SF eine
Artikelserie überden saarländischen Weinbau: Vgl. SF 8 (1927) 5, S. 75-78; SF 8 (1927) 6, S. 92 f.;
SF 8 (1927)9. S. 139 ff.: SF 8 (1927) 10, S. 158 f.; SF 8 (1927) 11. S. 178; SF 8 (1927) 13, S. 210
f. Zwei Jahre später fand erneut ein Saarwein-Propagandaabend in Berlin statt: Vgl. Protokoll der
Sitzung des Aufsichts- und Beratungsausschusses vom 23.03.29 (28.03.29), in: BA-R 8014/7.
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