Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

behörden  zu  einem  stärkeren  Engagement  aufzufordern,  aber  auch,  um  sich  selbst  als
Kooperationspartner  einzubringen.  Schon  zu  diesem  Zeitpunkt  sollte  eine  Kartothek
aller  nach  1919  aus  dem  Saargebiet  verzogenen  Saarländer  an  einer  Zentralstelle
angelegt  werden;  die  Geschäftsstelle  bot  sich  an,  zur  Kontrolle  eine  Nebenkartothek
aufzubauen,  wozu  ihr  die  Unterlagen  der  Meldeämter  sowie  der  nächsten  Volkszählung
  hätten  zugehen  müssen117 118.  Die  Reaktion  war  ernüchternd:  Stellvertretend  für
die  anderen  Reichs-  und  Länderressorts  erteilte  die  Wilhelmstraße  dem  Anliegen
Mitte  September  eine  klare  Absage"*.  Behördenintern  jedoch  hatte  die  Geschäftsstelle
  „Saar-Verein"  einen  Stein  ins  Rollen  gebracht:  Als  der  kommissarische  Leiter
der  Westabteilung  des  Auswärtigen  Amtes  die  zuständigen  Ministerien  in  München
und  Berlin  um  eine  Stellungnahme  bat,  wie  dort  über  die  Einrichtung  einer  derartigen
Kartothek  gedacht  wurde,  zeigte  sich,  daß  diese  -  bei  aller  Skepsis,  die  sie  dem  Bund
der  Saarvereine  entgegenbrachten  -  das  Potential  der  privaten  Organisation  erkannt
hatten.  So  meldete  das  preußische  Innenministerium,  daß  Anfragen  des  Vereins  über
den  aktuellen  Wohnsitz  von  Personen,  die  aus  dem  Saargebiet  verzogen  waren,  seit
längerem  beantwortet  worden  seien"9,  und  das  bayerische  Außenministerium  antwortete120:

„Durch  eifrige  Pflege  der  Beziehungen  zu  möglichst  vielen  Personen,  die  beim  Abschluß  des
Friedensvertrages  im  Saargebiet  gewohnt  haben,  kann  der  Saarverein  jetzt  schon  sehr  wertvolle
Vorarbeit  für  seine  spätere  Mithilfe  zur  Ermittelung  der  Abstimmungsberechtigten  leisten.“
Die  Reaktion  der  Geschäftsstelle  „Saar-Verein"  auf  die  offizielle  Absage  des  Auswärtigen
  Amtes  kann  durchaus  als  symptomatisch  bezeichnet  werden:  Als  gelte  es,
die  Behörden  von  einem  offensichtlichen  Irrtum  zu  überzeugen,  trug  sie  ihr  Anliegen
immer  wieder  bei  verschiedenen  Ansprechpartnern  vor  und  baute  auf  die  Unterstützung
  ihrer  einflußreichen  Mitglieder  aus  den  Ausschüssen121.  Es  sei  ein  Fehler  zu
117  Vgl.  Brief  der  GSV  an  Reichskanzler  Wirth,  AA,  RMI  und  PrMI  (28.08.22),  in:  PA  AA,  II  a  Saargebiet,
  R  7S.454.  In  jenem  Schreiben  kündigte  die  GSV  fern  jeder  Aussicht  auf  Realisierung  auch  an,
eine  Inititative  in  die  Wege  leiten  zu  wollen,  die  Abstimmungsberechtigung  auf  alle  gebürtigen
Saarländer  auszuweiten.  Drei  Tage  später  entschied  der  Völkerbundsrat  in  Genf,  mit  der  Aufstellung
von  Wählerverzeichnissen  noch  zu  warten  und  statt  dessen  nur  Maßnahmen  zur  Sicherung  der
amtlichen  Unterlagen  zu  treffen.  Mit  dieser  Aufgabe  wurde  am  26,09.22  der  Schweizer  Alfred  Bonzon
betraut:  Vgl.  JO  3  (1922)  11-2,  S.  1213  ff.;  JO  5  (1924)  1-2,  S.  109-120;  vgl.  SF4  (1923)  4,  S.  46;
SF4  (1923)  12,  S.  153;  SF  4  (1923)  22,  S.  283.  Vgl.  GÖRGEN.  S.  45-66;  Groten:  Die  Volksabstimmung
  im  Saargebiet,  S.  32-36.
118  Vgl.  Brief  des  AA  an  die  GSV  (12.09.22),  in:  PA  AA,  II  a  Saargebiet,  R  75.454.  Es  sei  „durchaus
untunlich,  eine  Privatorganisation  an  den  Maßnahmen  zu  beteiligen.  Ob  dies  später  geschehen  kann,
muß  späterer  Entschließung  Vorbehalten  bleiben.“:  Vgl.  Brief  des  AA  an  die  Reichskanzlei  (12.09.
22),  in:  BA-R  43-1/240.
I,l)  Vgl.  Brief  des  PrMI  an  das  AA  (31.10.22),  in:  PA  AA,  II  a  Saargebiet,  R  75.454.
120  Gemeint  war  allerdings  eher  die  propagandistische  als  die  organisatorische  Unterstützung:  Vgl.  Brief
des  BayMA  an  das  AA  (21.09.22),  in:  Ebd.  Diesen  Standpunkt  machte  sich  seither  auch  das  AA  zu
eigen:  Vgl.  Aktennotiz  (02.11,22),  in:  PA  AA,  II  a  Saargebiet,  R  76,090;  Brief  Sperrs  an  das  BayMA
(10.03.23),  in:  BayHStA,  MA  108.208.
12!  Vgl.  Briefe  der  GSV  an  das  AA  (20.11,22)  und  das  RMWirtschaft  (07.06.23),  in:  PA  AA,  II  a
Saargebiet,  R  75.454;  Brief  der  GSV  an  das  RMI  (19.02.23),  in:  BA-R  1603/2520;  Brief  Dominicus’
an  den  RMI  Oeser  (24.02.23),  in:  BA-R  1601/1696.  Auch  in  den  gemeinsamen  Ausschußsitzungen
mit  Parlamentariern  wurde  das  Problem  angeschnitten:  Vgl.  Protokolle  der  Sitzung  des  Aufsichts-  und

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