Infolge der spürbaren Distanzierung der Wilhelmstraße muß das Verhältnis zwischen
der Geschäftsstelle „Saar-Verein" und dem Auswärtigen Amt in den Jahren 1923 und
1924 als gespannt bezeichnet werden. Eine Rüge von Friedbergs wegen einer nicht
abgesprochenen Initiative105 kommentierte Andres wenige Wochen später auf der
Mitgliederversammlung mit der Feststellung, man werde sich nicht das Recht nehmen
lassen, in politischen Fragen Anstöße zu geben, selbst wenn diese „Anregungen von
gewissen Stellen oft lästig empfunden würden."106 Da aber das Auswärtige Amt auf
derartige Anregungen keineswegs angewiesen war, verliefen weitere Kooperationsangebote
des Bundes nun im Sand107 108. Die Reaktion auf die Zurückhaltung der Wilhelmstraße
ist als geradezu typisch für Vogels Geschäftsführung zu werten: In der
Zeit der galoppierenden Inflation schaltete er den Reichspräsidenten als oberste
moralische Instanz ein und bat ihn, auf die zuständigen Ministerien hinzuwirken,
künftig bei ihren Zuschüssen der Geldentwertung Rechnung zu tragen1"*. Ähnliche
Versuche, verschiedene Ressorts gegeneinander auszuspielen, lassen sich in zahlreichen
weiteren Fällen nachweisen, in welchen Vogel die Verdienste der Geschäftsstelle
„Saar-Verein" unzureichend gewürdigt empfand.
In der Phase der relativen Stabilität der „Goldenen Zwanziger", in welcher sich die
finanziellen Verhältnisse der Geschäftsstelle „Saar-Verein" konsolidierten, entspannte
sich auch das Verhältnis zur Wilhelmstraße. Etwa ab dieser Zeit taucht in
allen wichtigen Publikationen des Vereins eine Standardphrase auf, die zwar den
hierarchischen Verhältnisse Rechnung trug, der Saarvereinstätigkeit zugleich aber
eine zumindest offiziöse Nuance verlieh:
„Der ,Saar-Verein* treibt keine selbständige Politik. Es ist aber klar, daß seine Arbeit auf
politischem Gebiete liegt und die Politik nahe berührt. Der ,Saar-Verein* ordnet aber seine
politische Betätigung der Politik unter, die vom Auswärtigen Amt und von den Führern der
Groeners an die Reichskanzlei (19.02.31) und Antwortschreiben des StS (09.03.31), in: BA-R 43-1/252;
Brief des PrMI an den Regierungspräsidenten von Trier (12.02.27), in: LHA Koblenz,
442/7521: Brief des PrMI u.a. an das AA (24.06.29), in: PA AA, II a Saargebiet. R 76.093; Rundschreiben
des Regierungspräsidenten von Düsseldorf an Oberbürgermeister und Landräte (21.02.29),
in: StA Düsseldorf, III/1299; Rundschreiben des Regierungspräsidenten von Staade an Magistrate
(03.03.30) in: StA Bremerhaven, 042/9/6-11 sowie die jährlichen Stellungnahmen des Trierer
Regierungspräsidenten Saaßen nach 1925, in: LHA Koblenz 442/7520-7523.
105 Die Kritik des britischen Unterhauses an der Politik der Reko hatte der Verein zum Anlaß genommen,
zahlreiche deutsche Parlamentarier aufzufordern, im Reichstag ähnlich deutliche Interpellationen
einzubringen. Nach Ansicht des AA liefe eine derartige Stellungnahme den Interessen der deutschen
Außenpolitik zuwider, weshalb das Amt viel Zeit damit habe vergeuden müssen, den Fehler des
Saarvereins wieder zu korrigieren. Vgl. Brief des AA an Andres (16.05.23), in: PA AA, II a Saargebiet,
R 76.091.
106 Protokoll der Mitgliederversammlung vom 15.07.23 (21.07.23), in: LA Saarbrücken, Saar-Verein 2.
107 Beispielsweise erteilte das AA den Plänen eine Absage, einen Saarausschuß aus den Vorsitzenden der
saarländischen Parteien und weiteren Meinungsführern unter der Leitung der GSV zu fördern. Die
Wilhelmstraße war nicht gewillt, auf die Vermittlungsdienste einer privaten Organisation zurückzugreifen
und somit Informationen nur aus zweiter Hand zu erhalten, wo sie selbst problemlos aktiv
werden konnte. Vgl. allgemein zu Plänen des AA zur Schaffung eines eigenen Saarausschusses: PA
AA. II a Saargebiet, R 76.068 f.
108 Vgl. Brief der GSV an Ebert (23.08.23), in: BA-R 8014/671.
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