in den sechziger und siebziger Jahren zunächst als Tabuthema, was zur Folge hatte,
daß die historische Interpretation durch die aktuelle Tagespolitik überlagert und die
Forschung zur ersten Saarabstimmung durch die Frontstellungen des zweiten Referendums
beeinflußt wurde.
Jubiläen fördern die öffentliche Erinnerung an historische Ereignisse und Prozesse.
Angesichts der Flut an Publikationen und Untersuchungen, die anläßlich des 50.
Jahrestages der ersten Saarabstimmung vom 13. Januar 1935 erschienen, ist es
nachvollziehbar, daß dieses Kapitel deutsch-saarländischer Geschichte als weitgehend
aufgearbeitet galt'. Mochte dieser Eindruck für den engen Zeitraum zwischen
1933 und 1935 zutreffen3 4, so zeigt ein Blick in die Bibliotheken, daß die dem Plebiszit
vorangehende Periode deutscher, französischer und saarländischer Geschichte
noch keineswegs hinlänglich erforscht ist. Keine Frage: Die saarländische Parteienlandschaft
in den Jahren der Völkerbundsregierung wurde schon früh aus unterschiedlichen
Perspektiven beleuchtet5. Dank eines mehrjährigen umfangreichen
Forschungsprojektes konnte das Alltagsleben der Saarländer nach der Rückgliederung
facettenreich aufgearbeitet werden6. Auch die politische Kultur und die Frage
nach dem regionalen Sonderbewußtsein der Saarländer stand mit größerem zeitlichen
Abstand im Mittelpunkt des historischen Interesses7.
Während die zweite Besatzungszeit nach 1945 in den letzten beiden Jahrzehnten
eingehend erforscht wurde, fehlen aber noch immer grundlegende Einzel studien über
die französischen Besatzungsmonate an der Saar, wie sie beispielsweise über Rheinhessen
vorliegen8. Ungeachtet der schwierigen Quellenlage wäre diese Zeit ein
lohnendes Untersuchungsobjekt, da Darstellungen aus den zwanziger und dreißiger
Jahren entlang der nationalen und ideologischen Fronten erfolgten und die Forschung
der Nachkriegszeit diese Periode bislang eher stiefmütterlich behandelte. Beispielsweise
wäre das Bild der allgemeinen Ablehnung Frankreichs durch die Saarländer,
welches Lempert nur kursorisch anreißt, kritisch zu hinterfragen. Mit Antritt der
Regierungskommission waren die Weichen für die weitere Entwicklung im Prinzip
jedoch schon gestellt, da sich Frankreich potentielle Sympathien bereits in den
Monaten der Besatzung verspielt hatte9.
3 Vgl. Mallmann: Neue Bücher zu einem schwierigen Jubiläum.
4 Vgl. Jacoby; von zur Mühlen: Schlagt Hitler: Paul: Deutsche Mutter: Wambaugh. Anläßlich des
70. Jahrestages erschien: LlNSMAYER: Der 13. Januar.
5 Vgl. BlES: Klassenkampf; Gestier; KUNKEL; Paul: Die NSDAP des Saargebietes; ZENNER: Parteien
und Politik.
6 Vgl. Mallmann/ Paul: Das zersplitterte Nein: Dies.: Herrschaft und Alltag; Dies.: Milieus und
Widerstand. Siehe hierzu ebenfalls: MUSKALLA.
7 Vgl. Flender: Vom Saargebiet zum Saarland; KREWER/ Momper/ Fxkensberger; Linsmayer:
Politische Kultur.
8 Vgl. SÜSS.
9 Vgl. VON DER Kall: Das Saargebiet in der Politik der Gegenwart, S. 486. Vgl. ebenso aus heutiger
Perspektive: HERRMANN: 1919 - Schicksalsjahr für die Saar.
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