Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

densbegrenzung  trat  die  RfH  die  Flucht  nach  vorne  an  und  polemisierte  nun  selbst
gegen  die  französischen  Propagandastellen  im  besetzten  Gebiet65.  Den  gleichen
Standpunkt  vertrat  auch  die  Reichsregierung  gegenüber  dem  Völkerbund.  Offiziell
wurde  die  Schuld  an  dem  Fiasko  der  Fahrlässigkeit  Ollmerts  bzw.  der  groben  Pflichtverletzung
  Grogers  zugeschoben66,  so  daß  lediglich  die  ohnehin  nicht  mehr  einsatzfähigen
  Außenposten  in  Köln  und  Mannheim  zugunsten  der  Gesamtorganisation
geopfert  wurden67 69.  An  die  Stelle  des  bisherigen  Systems  der  Verbindungsstellen  und
persönlichen  Propaganda  im  besetzten  Gebiet  traten  im  Sommer  1920  die  Kooperationen
  mit  selbständigen  Unterorganisationen  wie  der  „Rheinischen  Kulturkonferenz“
und  der  „Rheinischen  Frauenliga“6*.  Zugleich  wurde  auch  die  Zusammenarbeit  mit
Vertretern  der  rheinischen  Wirtschaft,  Kulturpolitik  und  Wissenschaft  intensiviert.
Offiziell  waren  fortan  nur  noch  die  politischen,  wirtschaftlichen  und  gewerkschaftlichen
  Organisationen,  Berufsverbände  und  Jugendbünde  Träger  der  Aufklärungs-  und
Abwehrarbeit,  was  einzelne  Funktionäre  vor  Verfolgung  schützen  sollte.  Die  RVP
beschränkte  sich  allerdings  keineswegs  auf  die  Subventionierung  rheinischer  Organisationen
  und  die  Einberufung  von  Konferenzen,  sondern  unterhielt  auch  weiterhin
einen  Vertrauensmännerapparat  jenseits  des  Rheins66  und  blieb  publizistisch  aktiv70.
Gewissermaßen  als  Zugeständnis  an  die  Länder  (Preußen,  Bayern,  Hessen,  Oldenburg
  und  Baden)  wurden  an  der  Grenze  zum  besetzten  Gebiet  am  Vorbild  der  Mannheimer
  Pfalzzentrale  orientierte  Fürsorgestellen  errichtet71.  Auch  nach  der  Besetzung
des  Ruhrgebietes  durch  französische  und  belgische  Truppen  blieb  es  im  Westen  bei
der  Ende  1920  vorgenommenen  Arbeitsteilung:  Während  sich  die  RfH  auf  das

65  Vgl.  „Deutsche  Allgemeine  Zeitung’1  Nr.  402  (19.08.20).
66  Vgl.  „Bericht  über  den  Aufbau  der  Rheinischen  Volkspflege  und  ihre  einzelnen  Arbeitszweige“
(21.08.20),  in:  BA-R  1603/2154.  Siehe  auch  Wippermann,  S.  204-209.
1,7  Während  die  RfH  zunächst  weiterhin  ressortmäßig  der  Presseabteilung  zugeordnet  blieb,  wechselte  die
Zuständigkeit  für  die  RVP  zum  Jahresanfang  1921  auf  das  RMI  über,  wo  sie  im  Mai  des  gleichen
Jahres  dem  StSbesGeb  unmittelbar  unterstellt  wurde.  Ab  1923  bis  zur  ihrer  Auflösung  1930  war  sie  im
RMbesGeb  ressortiert:  Vgl.  WEIN,  S.  98.  Das  Kraussche  Lektorat  blieb  hingegen  der  Presseabteilung
der  Reichsregierung  zugeordnet:  Vgl.  undatiertes  Protokoll  der  Sitzung  im  AA  vom  19.11.20.  in:  PA
AA.  Presseabteilung,  R  122.462.
68  Vgl.  zu  den  beiden  parteiübergreifenden  und  interkonfessionellen  Arbeitsgemeinschaften:  Denkschrift
über  die  Arbeit  und  Organisation  der  RVP  (01.02.21),  in:  BA-R  1603/2154;  GÄRTNER.  S.  62-68;
Wein,  S.  110  f.  Wippermann,  S.  207.
69  Prominentester  Kurier  und  Verbindungsmann  dürfte  Werner  Best,  der  spätere  Stellvertreter  Reinhard
Heydrichs  bei  der  Gestapo,  gewesen  sein:  Vgl.  HERBERT:  Best,  S.  72-87.
11  Insofern  trifft  die  Feststellung  Weins  (S.  107-110),  kennzeichnend  für  die  deutsche  Gegenpropaganda
am  Rhein  sei  deren  Passivität  und  überbordender  Bürokratismus  gewesen,  nicht  zu.
71  „Die  Stellen  sind  also  an  dem  besetzten  Gebiet  sitzende  Saugköpfe,  die  alle  Klagen,  Wünsche,  Übergriffe,
  kurz  alles,  was  Mißstimmung  hervorruft,  herausziehen,  für  jeden  Zeit  und  Trost  haben  und  so  das
im  besetzten  Gebiet  vorhandene  Gefühl  des  Verlassenseins  ausschalten  und  durch  schnelle  Verbindung
mit  den  Behörden  die  Klagen  aus  der  Welt  schaffen,  daß  die  Behörden  kein  Interesse  und  keine  Zeit  für
die  Rheinländer  hätten  und  daß  die  Organisation  der  Reichs-  und  Staatsbehörden  den  besonderen
Verhältnissen  des  Rheinlandes  nicht  angepaßt  sei.“.  Vgl.  „Vorschläge  für  die  Zusammenarbeit  mit  den
Bundesstaaten  bei  der  Abwehr  der  Separationsbestrebungen“  (19.11.20),  in:  PA  AA,  II  a  Presseabteilung.
  R  122.462.  Siehe  auch  „Vorschläge  für  die  Regelung  der  Zusammenarbeit  der  Rheinischen
Voikspflege  mit  den  Landesregierungen“  (April  1921),  in:  BayHStA,  Haupthilfsstelle  Pfalz  78.

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