Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

der  stützen  und  sich  hinter  dieser  Fassade  verbergen  zu  können“.  Die  Offenlegung
der  Verbindungen  zu  einer  Berliner  Regierungsorganisation  rief  jedoch  Erinnerungen
  an  die  Propaganda  der  letzten  Kriegsmonate  hervor,  in  welchen  die  staatlichen
Stellen  massiv  ihre  Glaubwürdigkeit  eingebüßt  hatten60 61.  Da  die  Herkunft  der
Propagandagelder  ebenso  wie  die  Auftraggeber  ans  Tageslicht  gebracht  und  die
gerade  erst  als  Tarnunternehmen  gegründete  Rheinische  Volkspflege  als  verlängerter
  Arm  Berlins  demaskiert  worden  war,  mußte  zum  zweiten  Mal  innerhalb  weniger
  Wochen  eine  Reorganisation  erfolgen62.  Wenngleich  die  RfH/  RVP  entgegen
der  Zusage  der  Reichsregierung  ihre  Tätigkeit  weder  im  besetzten  Gebiet  noch  an
der  Saar  gänzlich  einstellte63,  erfolgte  nach  der  Affäre  Ollmert  zumindest  im
Saargebiet  ein  Rückgang  der  eigenen  Aktivitäten.  Dank  des  Saarvereins  konnte  die
RfH  allerdings  an  der  offiziellen  Version  festhalten;  aus  dem  Juniorpartner  in  der
Königgrätzer  Straße  wurde  so  eine  weitere  Tarn-  bzw.  Stellvertreterorganisation.
3.  Stand  die  Reichszentrale  nach  den  Wahlen  im  Sommer  1920  ohnehin  von  verschiedenen
  Seiten  unter  Druck,  so  geriet  sie  infolge  des  Mißgeschicks  noch  stärker
unter  Legitimationszwang.  Insbesondere  die  Ambitionen  der  Länder  nach  Mitsprache
  bei  der  Kulturpropaganda  an  der  Saar  ließen  sich  nicht  länger  ignorieren.
Erst  infolge  der  Krise  des  Jahres  1920/21  wandelte  sich  die  Reichszentrale  von
einer  reinen  Propagandastelle  der  Reichsregierung  zu  einer  Institution  politischer
Bildung  und  Aufklärung64.  Zugleich  provozierte  der  Zwischenfall  eine  verstärkte
Aktivität  Bayerns.
4.  Obwohl  die  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  ihre  Tätigkeit  aufgrund  des  reduzierten
Engagements  der  RfH/  RVP  weiter  ausbauen  konnte,  büßte  sie  infolge  der  Auflösung
  des  Saarausschusses  zunächst  ihren  Einfluß  auf  die  Vergabe  der  zu  verteilenden
  Gelder  ein.  Insbesondere  das  Auswärtige  Amt  zeigte  in  den  folgenden
Monaten  größere  Zurückhaltung  bei  der  Kooperation  mit  der  privaten  Saarheimatschutzorganisation.

*  *  s|t
Obwohl  spätestens  nach  Verkündung  der  Urteile  im  Mainzer  Spionageprozeß  kein
Zweifel  mehr  daran  herrschen  konnte,  daß  die  Reichszentrale  aufs  schwerste  kompromittiert
  war,  hielt  sie  am  Konfrontationskurs  fest.  Anstelle  einer  politischen  Scha¬60

  Vgl.  Brief  der  RfH  an  die  Reichskanzlei  (11.05,20),  in:  BA-R  43-1/2504.
61  Vgl.  ULLRICH,  S.  280  f.
62  Vgl.  Protokoll  der  Besprechung  in  der  Reichskanzlei  mit  Vertretern  des  AA  (14.08.20),  in:  BA-R  43-1/239.
  Der  Zwischenfall  verbreiterte  den  Graben  zwischen  der  saarländischen  Mehrheitssozialdemokratie
  und  den  Unabhängigen  Sozialdemokraten,  die  nicht  bereit  waren,  mit  der  Nachfolgeorganisation  des
Kriegspresseamts  oder  der  Berliner  Saarvereinigung  zu  kooperieren.  Dies  hing  vor  allem  mit  der  Person
Vogels  zusammen,  „der  schon  sehr  viel  Unheil  vor  und  nach  dem  Kriege  hierher  gebracht  hat.“:  Rede
Herzbergers  (USP)  vor  Neunkircher  Gemeinderat,  in:  „Volksstimme“  Nr.  194  (20.08.20).
63  Auch  JACOBY  (S.  32)  erlag  der  Verschleierungstaktik  der  RfH,  als  er  konstatierte,  daß  nach  1920  keine
Tätigkeit  mehr  im  Saargebiet  feststellbar  war.  Vgl.  hierzu:  SF  1  (1920)  20,  S.  197  f.
64  Vgl.  Wippermann,  S.  161-165;  Richter:  Reichszentrale  für  Heimatdienst,  S.  43-47.

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