wurden insgesamt etwa 200 Personen während des Belagerungszustandes verhaftet
und über den Rhein bei Germersheim abgeschoben. Unter der „centaine de pangermanistes
notoires, presque tous Allemands étrangers à la Sarre“56 59 befanden sich
Professoren, Geistliche beider Konfessionen, Kaufleute, Lehrer, Bürgermeister.
Rechtsanwälte, Ärzte und vor allem Redakteure. Da anscheinend auch bereits verstorbene
oder aus dem Saargebiet verzogene Personen gesucht wurden, liegt die
Vermutung nahe, daß schon vor dem August 1920 „schwarze Listen“ mißliebiger
Personen kursierten. Das zufällige Zusammentreffen zweier voneinander unabhängiger
Ereignisse, der Funde bei Ollmert und der Ausbruch des Beamtenstreiks, lieferte
den nötigen Vorwand, diese des Landes zu verweisen"7.
Für die deutsche Saarpropaganda besaß der Zwischenfall aus mehreren Gründen
Zäsurcharakter:
1. Sowohl für die Geschäftsstelle „Saar-Verein“ als auch für die weiterhin im besetzten
Gebiet wirkende RVP wurde es schwieriger, neue Vertrauensleute zu rekrutieren.
Während die bisherigen Mitarbeiter kompromittiert waren, hatten die zahlreichen
Ausweisungen gezeigt, daß die Regierungskommission bzw. das französische
Militär auch nach Inkrafttreten des Friedensvertrages zu kompromißlosem Vorgehen
gegen reichsdeutsche Einmischungsversuche bereit war18. Die Enttarnung
tatsächlicher und vermeintlicher Mitarbeiter des Heimatdienstes und des Saarvereins
machte daher einen Neuaufbau der Verbindungsnetze notwendig. Auf der
anderen Seite trieb der intransigente Kampf der Regierungskommission gegen den
deutschen Nationalismus den „Saarfreunden“ geradezu die Mitarbeiter in die
Arme, so daß die Reorganisation des Vertrauensmännernetzes nach kurzer Unterbrechung
vonstatten gehen konnte"1'.
2. Bislang hatte die prodeutsche Propaganda im Saargebiet von dem Umstand profitiert.
sich mit dem Saarausschuß auf ein Gremium größtenteils gebürtiger Saarlänlebenslänglicher
Deportation in ein befestigtes Lager verurteilt. Vgl. „Vossische Zeitung“ Nr. 409
(19.08.20) und Nr. 518 (21.10.20); SF 1 (1920) 20, S. 197 f.; NSK Nr. 280 (22.10.20).
56 Vgl. Bericht der Reko an den Völkerbund ( 18.08.20). zitiert im Bericht Wellington Koos; JO 2 ( 1921 )
7, S. 687.
Vgl. Brief des Knappschaftsarztes Dr. Faber an den Generalsekretär des Völkerbundes (26.03.21), in:
Arch. SDN 19-27, Sous-Section Saar Basin, R 102/11.557.
,s Wie Rault selbstbewußt dem Völkerbund mitteilte, führte seine Politik der Härte zunächst zu einer
Befriedung des Gebietes: Vgl. V. periodischer Bericht der Reko (25.10.20), in: JO 1 (1920) 8, S. 65 f.
Die Bereitschaft, sich offen zum Deutschtum zu bekennen, scheint im Herbst 1920 aus Angst vor
weiteren Ausweisungen tatsächlich abgenommen zu haben: Vgl. SF 1 (1920) 20, S. 198. Nach einigen
Wochen durfte der Großteil der Ausgewiesenen wieder zurückkehren: Vgl. VI. periodischer Bericht der
Reko (25.01.21), in: JO 2 ( 1921 ) 2, S. 198.
59 Die Feststellung Trittelvitzs (S. 151) bezog sich zwar auf die Ausweisungen des Jahres 1919, trifft
aber ebenso auf die längerfristigen Folgen des Beamtenstreiks zu: „Durch die Festnahme so vieler
Bergleute haben sich die Franzosen unbeliebt gemacht und haben Märtyrer geschaffen der deutschen
Sache. Wenn es auch in diesem Streik gar nicht ums Deutschtum ging, die Hunderte von Bergleuten,
die überden Rhein verbannt worden sind, werden das nie vergessen.“ Vgl. ebenso LOTH: Die Saarfrage,
S. 279 und Paul: Deutsche Mutter, S. 48-61.
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