Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

Schusses  am  25.  Juli  1920  stand  daher  im  Zeichen  der  Neuorganisation  und  Kompetenzabgrenzung"'’0.

Am  folgenden  Tag  wurde  Ollmert  in  Homburg  bei  der  Einreise  in  das  Saargebiet  von
französischen  Zollbeamten  aufgegriffen.  Obwohl  die  bisherigen  Enthüllungen
ausreichend  Anlaß  zu  erhöhten  Vorsichtsmaßnahmen  gegeben  hätten,  trug  Ollmert
fast  den  gesamten  Schriftverkehr  der  enttarnten  Düsseldorfer  RVP-Stelle  mit  sich50 51.
Das  Ausmaß  des  Schadens  für  die  deutsche  Propaganda  war  beträchtlich,  da  die
Franzosen  durch  das  fahrlässige  Verhalten  Ollmerts  in  den  Besitz  des  ..Saarprogramms“
  kamen  und  weitere  Details  über  das  Wirken  der  gerade  erst  gegründeten
Rheinischen  Volkspflege  im  Saargebiet  erfuhren’’2.  Aufgrund  des  Aktenmaterials
konnte  die  Regierungskommission  während  des  wenige  Tage  später  ausbrechenden
Beamtenstreiks5'’  eine  scheinbar  logische  Verbindung  zur  konspirativen  Arbeit  des
Saarausschusses  konstruieren  und  damit  über  die  RfH  zugleich  die  deutsche  Reichsregierung
  diskreditieren.  Angesichts  des  gravierenden  Vorwurfs  der  organisierten
Verschwörung  gegen  die  Sicherheit  der  französischen  Garnisontruppen,  der  durch
vereinzelte  Sabotageakte  der  Beamten  seine  Bestätigung  fand,  ließ  sich  der  für  den
folgenden  Tag  von  Rault  verhängte  Belagerungszustand  leicht  rechtfertigen.  Berücksichtigt
  man  die,,Propagandaanweisungen  für  die  Arbeit  im  besetzten  Rheinland“  der
RfH  vom  November  191954,  so  stellt  sich  der  Beamtenstreik  tatsächlich  als  langfristig
geplante  Inszenierung  reichsdeutscher  Stellen  dar.
Während  nun  wieder  das  Militär  das  Heft  des  Handelns  in  die  Hand  nahm  und  alle
strategisch  wichtigen  Punkte  besetzte,  machten  französische  Gendarmen  Jagd  auf
streikende  Beamte.  Im  Schatten  dieser  Maßnahmen  lief  die  gezielte  Suche  nach
vermeintlichen  Mitarbeitern  des  Heimatdienstes,  was  für  die  Franzosen  dank  eines
bei  Ollmert  gefundenen  Notizbuches  mit  den  Decknamen  und  Adressen  seiner
Vertrauensleute55  ein  leichtes  Spiel  war.  Über  diesen  belasteten  Personenkreis  hinaus

Akten  der  ..Haupthilfsstelle  für  die  Pfalz“  im  BayHStA  bzw.  PA  AA,  II  a  Besetztes  Rheinland.  R
74.606.
50  Vgl.  Protokoll  der  Sitzung  vom  25.07.20,  in:  BA-R  1603/2509.
51  Vgl.  Brief  der  RVP  an  das  AA  (11.08.20),  in:  PA  AA.  II  a  Saargebiet.  R  75.894.
Vgl.  Note  der  Reko  (29.07.20),  in:  MAE,  Allemagne  415  sowie  in:  Arch.  SDN  19-27.  Sous-Section
Saar  Basin.  R  100/5895.
Nach  monatelangen  Verhandlungen  zwischen  Reko  und  saarländischer  Beamtenschaft  über  deren
rechtlichen  Status  traten  in  der  Nacht  zum  06.08.20  -  dem  50.  Jahrestag  der  Schlacht  bei  Spichern!  -
die  Beamten  der  Post-  und  Telegraphendienste,  der  Eisenbahnen,  der  Polizei  sowie  Lehrer  und  Kommunalbeamte
  aus  Protest  gegen  den  Entwurf  eines  Beamtenstatuts  in  den  Streik:  Vgl.  ANSCHÜTZ;  BRUCH:
Franzosen  im  Saargebiet,  S,  90-94;  HELLWIG/  OLLMERT.  in:  LA  Saarbrücken,  K  62/  1134.  S.  30-33;
HIRSCH:  Saar  von  Genf,  S.  34—39;  Weißbuch,  Dok.  108-143.  S.  152-215.  Die  Haltung  des  SF  zum
Streik  ist  bezeichnend:  Die  Beamten  wollten  „lieber  zugrunde  zu  gehen,  als  ihr  Deutschtum  zu
verleugnen“:  SF  1  (1920)  16,  S.  155.  Vgl.  ebenso:  SF  1  (1920),  15,  S.  139  f.;  SF  2  (1921)  15,  S.  205  ff.;
SF  15  (1934)  16/17,  S.  335-338;  SF  15  (1934)  18/19,  S.  392  ff.
54  Siehe  S.  127,  Anm.  19.
Vgl.  Besprechungsprotokoll  in  der  Reichskanzlei  mit  Vertretern  der  RVP,  des  AA  und  des  RMI
(14.08.20),  in:  BA-R  43-1/239.  Ollmert  selbst  flüchtete  am  11.08.20  über  den  Rhein  ins  unbesetzte
Deutschland.  Zwei  Monate  später  wurde  er  von  einem  französischen  Kriegsgericht  in  contumatiam  zu

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