Full text : ‚‚Deutsch die Saar, immerdar!‛‛

Einleitung
„Der  Saar-Verein  will  und  muß  das  Gewissen  sein,  das  das  deutsche  Volk  in  all  seinen  Gliedern
und  behördlichen  Instanzen  immer  und  immer  wieder  daran  erinnert,  daß  die  von  der  Entente  in
Versailles  geschaffene  Saarfrage  noch  keineswegs  einer  Lösung  zugeführt  worden  ist,  die  dem
Selbstbestimmungsrecht,  dem  geschichtlichen  Recht,  dem  allgemeinen  Völkerrecht  entspräche.“1
Als  die  Berliner  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“  im  Spätsommer  1927  mit  diesen  Worten
  ihre  eigene  Rolle  in  dem  15jährigen  Ringen  um  die  nationale  Zukunft  des  Industriereviers
  an  der  westlichen  Peripherie  des  Reiches  charakterisierte,  erfreute  sich
das  deutsch-französische  Verhältnis  einer  kurzen  relativen  Stabilität.  Ihre  Auswirkungen
  waren  auch  an  der  Saar  zu  spüren.  Der  Höhepunkt  der  vehement  ausgefochtenen
  Auseinandersetzungen  zwischen  der  Saarbevölkerung  und  der  international
besetzten  fünfköpfigen  Regierungskommission  um  die  Einführung  des  französischen
Francs,  um  die  Schulpolitik  und  um  weitere  umstrittene  administrative  Maßnahmen
war  bereits  überschritten.  Aus  Sicht  der  „prodeutsch“  orientierten  Kräfte  stand  zwar
längst  nicht  mehr  zu  befürchten,  daß  die  Saarländer  mehrheitlich  zu  Parteigängern
Frankreichs  wurden,  wohl  aber,  daß  sie  Gefallen  am  gegenwärtigen  Zustand  finden
könnten.  Schließlich  genossen  die  Saarländer  dank  einiger  Zusatzartikel  des  Versailler
  Vertrages  Privilegien,  die  den  Deutschen  jenseits  der  neuen  Grenzen  verwehrt
blieben,  und  wer  machte  sich  schon  ernsthaft  darüber  Gedanken,  welches  Staatswappen
  auf  die  Kasse  geprägt  war,  die  ihm  Lohn  oder  Rente  auszahlte?
Ebenso  wie  ein  intaktes  Gewissen  helfen  kann,  die  jeweils  moralisch  „richtige“
Alternative  zu  wählen,  verursachen  reflektierte  Fehlentscheidungen  Gewissensbisse.
Beide  Funktionen  hatte  sich  der  Bund  der  Saarvereine,  eine  1919/20  gegründete
private  Saarhilfsorganisation,  auf  die  Fahne  geschrieben:  Er  wollte  zugleich  die
Saarpolitik  der  Reichs-  und  Länderregierungen  konstruktiv  beeinflussen,  wie  er  auch
bemüht  war,  vermeintlich  falsche  Entwicklungen  und  Missstände  aufzuzeigen,
anzuprangern  und  aufzuhalten.  Seine  Berliner  Zentrale  argumentierte  über  die
vereinsinterne  Halbmonatsschrift  „Saar-Freund“  meist  mit  moralischem  Impetus;  sie
appellierte  bei  den  Behörden  und  Verbänden  ebenso  wie  gegenüber  einzelnen
Persönlichkeiten  und  gegenüber  der  breiten  Öffentlichkeit  an  die  Ehre  und  das
Pflichtbewußtsein,  wenn  es  galt,  die  erforderliche  finanzielle  oder  moralische  Unterstützung
  für  eine  Kampagne  zu  mobilisieren2.
*  *  *
Die  wissenschaftliche  Aufarbeitung  des  Saarkampfes  von  1934/35  ließ  lange  Jahre
auf  sich  warten.  Teilweise  erklärt  sich  dies  aus  den  besonderen  Verhältnissen  an  der
Saar  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg,  als  die  Befürworter  des  „Status  quo“  von  1935
ähnlich  wie  zwanzig  Jahre  später  die  „Ja“-Sager  nach  dem  zweiten  Saarreferendum
ins  politische  und  publizistische  Abseits  gerieten.  Beide  Abstimmungskämpfe  galten

1  SF  8  (1927)  16,  S.  260.  Vgl.  ebenso:  VOGEL:  Geschäftsstelle  „Saar-Verein“,  S.  226.
:  Vgl.  Rundschreiben  derGSV  an  Städte  und  Gemeinden  (Februar  1925),  in:  StA  Bonn,  Pr  10/325.

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