ziehen. Charakterisierungen wie „Vergnügungsverein“ oder „landsmännisches
Familienkränzchen“ aus den eigenen Reihen stellten keine Seltenheit dar171.
Während die Propagandaarbeit der lokalen Saarvereinigungen auf der einen Seite
somit auch sehr profane Elemente aufwies, wurde geselliges Beisammensein auf der
anderen Seite politisiert. Ein Beispiel hierfür bieten die zahlreichen Besuche saarländischer
Vereine im Reichsgebiet. Mochte das Ereignis als solches noch so unbedeutend
sein, so ließen die Ortsgruppen kaum eine Gelegenheit verstreichen, anläßlich
der Anwesenheit von Saarländern eine Kundgebung für die Befreiung des Saargebiets
zu inszenieren. Wenn auch nicht mit dem gleichen propagandistischen
Aufwand wie nach der Gleichschaltung des Bundes, so wurden saarländische Delegationen
doch schon lange vor 1933 durch ehrenvolle Empfänge am Bahnhof hofiert.
Meist folgte das öffentliche Präsentieren der Saarländer während eines Umzuges
durch die Stadt. Obligatorische nationale Bekenntnisrituale werteten damit auch
belanglose Veranstaltungen wie Fußballspiele oder Gastauftritte saarländischer
Chöre entsprechend auf172.
Im folgenden sollen nun spezielle Ortsgruppen eingehender dargestellt werden: Die
Berliner Saarvereinigung wegen ihrer Symbiose mit der Geschäftsstelle „Saar-Verein“
und ihrer Nähe zu den Regierungsstellen, die beiden süddeutschen Landesverbände
mit Sitz in Stuttgart und München als Beispiele für die Heterogenität des
Bundes sowie die exotischen Ortsgruppen in Übersee.
2.5.4 Besondere Ortsgruppen des Bundes der Saarvereine
Berlin173
Wenngleich die Vorbereitungen schon sehr früh anliefen, erfolgte die Gründung erst
am 30. Oktober 1919 - zu einer Zeit, als in sieben anderen Städten bereits Ortsgruppen
existierten. Zum ersten Vorsitzenden der Berliner Saarländervereinigung
wurde als Verlegenheitskandidat der Vorsitzende der Vereinigung Berliner Stahlgroßhändler
und Direktor der Archimedes AG, Matthias Fett174 gewählt, der dieses
Amt bis zum seinem Umzug nach Breslau 1927 bekleidete. Daß die finanziellen
171 Vgl. Briefe Ernst Eichs (14.12.22) und Otto Teichs (10.09.19) an die GSV. in: BA-R 8014/570 und
616. Nicht von ungefähr dürfte auch Andres auf der Mitgliederversammlung 1927 in Würzburg davor
gewarnt haben, daß die Organisation „zu einer Vereinigung gemeinsamer Biertrinker oder Tänzer“
verkäme: Vgl. SF 8 (1927) 17, S. 315. Dabei bildeten die Saarvereine keineswegs eine Ausnahme; im
ersten Drittel des Jahrhunderts wandelten sich selbst patriotische Feiern wie der Sedanstag zu
Vergnügungsfesten: Vgl. MOSSE: Die Nationalisierung der Massen. S. 112 f.
172 Vgl. hierzu Kap. 3.2.5.
173 Vgl. BA-R 8014/210-246.
174 Fett, der bereits 1885 aus Saarbrücken verzogen war und sich nach seiner eigenen Aussage in
zahlreichen europäischen Großstädten sowie im Vorderen Orient besser als in der Saarmetropole
auskannte, wollte ursprünglich nur so lange präsidieren, bis eine im Saargebiet bekanntere Persönlichkeit
gefunden war: Vgl. Brief Fetts an die GSV (26.05.26), in: BA-R 8014/223. Dem Aufsichts- und
Beratungssausschuß der GSV gehörte das DNVP-Mitglied Fett seit seinem Bestehen 1922 an: von
1925 bis zu seinem Tod 1928 war er zugleich stellvertretender Bundesvorsitzender: Vgl. Nachruf in:
SF 9 (1928) 16. S. 309 f.
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