Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Winters  1926/27  kein  einziges  Mal  die  französische  Saarpropaganda  an.  Dies  ist
umso  bemerkenswerter,  als  er  seine  Schöpfung  gegen  erhebliche  ministerielle
Widerstände  zu  behaupten  hatte.  Ebensowenig  fanden  die  französischen  Saareinrichtungen
  Eingang  in  die  frühen  Sitzungsprotokolle  der  SFG.  Erst  1929,  als  das
preußische  Kultusministerium  seinen  Einfluss  auf  die  SFG  ausbaute,  wurde  die
französische  Kulturpropaganda  und  Saarforschung  bei  der  SFG  das  erste  Mal  aktenkundig.149
  Gewiss  beabsichtigte  Schmidt-Ott  auch  eine  kulturelle  Abwehr  gegen
Frankreich,  aber  besonders  sorgte  er  sich  um  die  Wissenschaftspflege  in  der
saarländischen  Randregion.
Im  März  1926  reiste  Schmidt-Ott  an  die  Saar  und  traf  Vertreter  der  örtlichen  Bildungsvereine.
  Aber  die  Gespräche  verliefen  enttäuschend.  Selbst  der  Nestor  der
saarländischen  Geschichtsschreibung  und  Vorsitzende  des  Historischen  Vereins
für  die  Saargegend  Professor  Albert  Ruppersberg150  fasste  Schmidt-Otts  Initiative
nur  als  willkommene  Unterstützung  für  die  lokale  Vereinsarbeit  auf.  Gerade  diese
Selbstgenügsamkeit  der  saarländischen  Heimatforschung  barg  nationalpolitische
Gefahren:  „Denn  dann  hätte  sie  dem  politischen  Gebilde  des  Saargebiets  gleichsam
die  wissenschaftlichen  Grundlagen  nachgeliefert,  dass  ihm  nämlich  eine  natürliche
Landschaft  im  Sinne  der  Geographie,  Historie,  Kultur  oder  wie  sonst  entspreche.“151
Einzig  Bongard,  der  durch  seine  zentrale  kulturpolitische  und  volksbildnerische
Stellung  in  der  Saarbrücker  Stadtverwaltung  für  die  ideologische  Beeinflussung  des
Saargebietes  im  preußischen  und  deutschen  Sinne  unabkömmlich  war,  zeigte  den
Willen  zu  einer  grundlegenden  Neugestaltung  der  saarländischen  Wissenschaftsorganisation.1'’2
  Auf  die  SFG  hatte  Bongard  von  Beginn  an  großen  Einfluss.  Er
wählte  die  saarländischen  Gründungsmitglieder  aus.  Hätte  Schmidt-Ott  kein  Veto
eingelegt,  wäre  von  Bongard  auch  staatliche  Stellen,  namentlich  der  Vertrauensmann
  der  preußischen  Staatsregierung  für  die  Saarangelegenheiten  Theodor
Watermann  und  das  preußische  Kultusministerium,  zur  SFG  herangezogen
worden.152 *  Schmidt-Ott  und  Bongard  wandten  sich  an  Aubin,  der  mittlerweile
einen  Ruf  nach  Gießen  angenommen  hatte,  und  an  Georg  Wolfram  (1858-1940),
den  wissenschaftlichen  Leiter  des  ELI.  Gemeinsam  vereinbarte  man  im  September
1926  in  Wolframs  Frankfurter  Institut  eine  Saarforschungsinitiative.154  Zum
21.  Oktober  lud  Schmidt-Ott  wiederum  in  das  ELI  ein,  um  sich  im  größeren  Kreis

LASb,  SM  12:  Aubin,  Griewank,  Mitgliederversammlung  der  SFG  am  6.1.1929,  8.
150  Hoppstädter,  „Saarländische  Geschichtsforschung“,  23-24;  cf.  AAE,  Sarre  117,  f.  194-200.
1  1  HessHStA,  1150/46:  Sante,  SFG  und  Kulturpolitik  [ca.  Anfang  1938],  5.
1''  StdASb:  Hauptakte  Bongard,  f.  225:  „Stadtschulrat  Dr.  h.  c.  Bongard  50  Jahre  alt“,  Saarbrücker
  Zeitung  (17.10.1930).  Als  Bongard  1927  ein  Amt  in  Frankfurt  angeboten  wurde,
verwendete  sich  Preußen  für  seinen  Verbleib  in  Saarbrücken;  StdASb,  Großstadt/2936:
Trendelenburg  (PrKM)  an  Neikes  v.  25.4.1927;  cf.  Jacoby,  Nationalsozialistische  Herrschafts-Übernahme,
  41  Anm.
BACos,  R1601/1832:  Bongard,  Gründung  der  SFG  v.  14.11.1926,  3,  6;  BayHStA,
MA  108204:  Schmidt-Ott  an  RMbG  v.  19.1.1927,  8.
14  HessHStA,  1150/46:  Sante,  SFG  und  Kulturpolitik  [ca.  Anfang  1938],  6.

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