Wissenschaft und Sprachforschung.1'4 Von der Dialektgeographie lernte die
rheinische Geschichtswissenschaft, dass Kartendarstellungen nicht nur illustrierendes
Beiwerk, sondern Erkenntnismittel sein können.14'' Der diachrone Vergleich
von kulturellen Massenerscheinungen deckte Geschichtslandschaften oder „Kulturräume“
auf. Wissenschaftliche Ergebnisse der ersten Jahre des 1GL waren 1926
die Veröffentlichung des Geschichtlichen Handatlas der Rheinprovinz und der
von Aubin, Frings und dem Volkskundler Josef Müller (1875-1945) verfasste interdisziplinäre
Versuch Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden,
der den Handatlas ergänzte.136
Untersuchungsobjekt waren das breite Volk und seine kulturellen Äußerungen.
Forschungen zu sozialen Gruppen, wie sie am Anfang des IGL standen, war man in
der traditionell auf die Herrschaftsgeschichte gerichteten Historiographie nicht
gewohnt. Der neue Ansatz erklärt sich aus den politischen Zeitumständen: Als sich
nach 1918 enttäuschte deutsche und österreichische Historiker von der gescheiterten
Staatsmacht abwendeten, fanden sie als neuen autoritativen Bezug das Deutschtum.
Es schien zäher, fester, älter und tiefer verwurzelt als Dynastie, Regierung und
Staat. Das bäuerliche „Außendeutschtum“ stand als Beispiel eines erfolgreichen
gesamtvölkischen Überlebenskampfes in vermeintlich feindlicher Umgebung und
gab der Geschichte neuen nationalen Sinn. Doch die methodische Innovativität und
Utilität des neuen Ansatzes ist fraglich. An einem Beispiel überprüfte Axel Flügel
die fachwissenschaftliche Leistung der Volkstumsgeschichte anhand der Kriterien
Aufgabenlösung, Fortschritt der Technik, Neuheit, Brauchbarkeit und Erfindungshöhe,
fand aber kaum Anhaltspunkte, die die These von den innovativen sozialgeschichtlichen
Verfahren bestätigen könnten: „Die Option für die Volksgeschichte
war eine von Anfang an verfehlte Option.“1,7
134 Matthias Zender, „Gedenkworte für Theodor Frings“, Rheinische Vierteljahrsblätter, 34
( 1970), 1 -8; DBA II, 409: 23-24; cf id. „Historiolinguistik, Volkskunde, Kulturraumforschung“,
Sprachgeschichte: Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung,
Hg. Werner Besch, Oskar Reichmann, Stefan Sonderegger, Handbuch zur Sprach- und
Kommunikationswissenschaft, 2 (Berlin: de Gruyter, 1984), 1: 228-41, hier 229-31; id., „Das
Rheinische Wörterbuch von 1904 bis 1964: Mit 4 Abbildungen“, Rheinische Vierteljahrsblätter,
29 (1964), 200-22, hier 208-09; Bernhard Martin, „Ferdinand Wrede (1863-1934):
Germanist, Direktor des Deutschen Sprachatlas“, Marburger Gelehrte in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts, Hg. Ingeborg Schnack, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für
Hessen, 35: Lebensbilder aus Hessen, 1 (Marburg: Eiwert, 1977), 610-13.
135 Cf. Hektor Ammann, „Karten zur Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters“, Vierteljahrschrift
für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 19 (1926), 269-79, hier 269.
11,1 Nikolay-Panter, „Geschichte, 244-45; Geschichtlicher Handatlas der Rheinprovinz, hg. i. A.
des Inst. f. gesch. Landeskunde der Rheinlande an der Univ. Bonn v. Hermann Aubin, Bearb.
JosefNiessen (Köln: Bachem / Bonn: Schroeder, 1926); cf. Lucien Febvre „Cartographie de la
géopolitique“, Pour une histoire à part entière, Bibliothèque générale de l'Ecole des Hautes
Etudes en Sciences Sociales, réimpr. Paris 1962 (Paris: EHESS, 1982), 130-38, hier 130-31
(Original von 1929); Marc Bloch, Lucien Febvre, Correspondance, t. 1: 1928-1933, éd. établie,
près, et ann. par Bertrand Müller, Marc Bloch, Lucien Febvre et les Annales d'Histoire
Économique et Sociale ([Paris] Fayard, 1994), 356 n.; DBA II, 922: 239.
17 Flügel, „Ambivalente Innovation“, 653-71, Zitat 671.
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