Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Der  wichtigste  Deutschtumsverein  war  der  Verein  für  das  Deutschtum  im  Ausland,
der  sich  im  Nationalsozialismus  in  Volksbund  für  das  Deutschtum  im  Ausland
(VDA)  umbenannte.  Ab  1933  war  VDA-Bundesleiter  Hans  Steinacher  für  die
Koordinierung  der  Volksdeutschen  Forschungsgemeinschaften  (VFG)  mit  den
Reichsbehörden  und  für  deren  Mittelverteilung  zuständig,  wodurch  er  bis  zu  seiner
Entmachtung  durch  Ernst  Mitte  der  1930-er  Jahre  eine  Schlüsselposition  in  der
deutschen  Volkstumswissenschaft  inne  hatte.  Zwar  war  die  Organisation  des  VDA
an  der  Saar  marginal,89  im  Reich  aber  ertönte  seine  laute  Saarpropaganda.  Um  in
der  akademischen  Forschung  Fuß  zu  fassen  und  die  Saarabstimmung  vorzubereiten,
beauftragte  die  VDA-Bundesleitung  Kleo  Pleyer  mit  der  Bildung  eines  Volkswissenschaftlichen
  Arbeitskreis  (VwA).90  Zu  nennen  ist  ferner  der  von  Loesch  geleitete
  Deutsche  Schutzbund  (DSB),  der  in  verschiedene  regionale  und  thematische
Referate  untergliedert  einen  großen  Teil  der  irredentistischen  Vertriebenen-,
Auslandsdeutschtums-  und  Grenzlandvereine  zusammenschloss.91
Die  Deutschtumsverbände  waren  über  Mehrfachmitgliedschaften  und  Personalunionen
  ihrer  leitenden  Mitarbeiter  miteinander  verbunden.  Mehrmann  zum
Beispiel  war  Geschäftsführer  des  Vereins  Deutscher  Rhein,  der  eng  mit  Loeschs
Schutzbund  zusammenarbeitete.92  BDW-Leiter  Robert  Ernst  saß  in  allen  staatlichen
  und  namhaften  privaten  Elsass-Lothringen-Ausschüssen.93  Er  war  als
Mitglied  der  Alt-Elsass-Lothringischen  Vereinigung,  als  Herausgeber  der  Elsaß-Lothringen:
  Heimatstimmen  und  des  Elsass-Lothringischen  Pressedienstes,  als
Vorstandsmitglied  des  ELI,  stellvertretender  Bundesleiter  des  VDA  und  Leiter
dessen  Westausschusses  eine  der  einflussreichsten  Gestalten  in  der  Volksdeutschen
  Bewegung.94
Die  Volksdeutschen  Forschungsgemeinschaften  (VFG)  schließlich  waren,  so
Steinacher,  „eine  Art  von  Volksdeutschem  Arbeitsdienst  der  Wissenschaft  für  das

x9  BAKo,  N1184/11:  Dr.  Wichterich  (Leiter  des  VDA-Mittelrhein)  an  Reichswehrminister  a.  D.
Dr.  Geßler  v.  5.2.1932;  cf.  AAE,  Sarre  117,  f.  216-17:  Morize  an  Briand  v.  31.10.1928;  Kurt
Poßekel,  „Verein  für  das  Deutschtum  im  Ausland  (VDA)  1881-1945“,  Lexikon  zur  Parteiengeschichte:
  Die  bürgerlichen  und  kleinbürgerlichen  Parteien  und  Verbände  in  Deutschland
(1789-1945),  Hg.  Dieter  Fricke  [et  al.],  Geschichte  der  bürgerlichen  und  kleinbürgerlichen
Parteien  und  Verbände  (Köln:  Pahl-Rugenstein,  1986),  4:  282-97.
90  Fahlbusch,  Wissenschaft,  110-16;  cf.  Schüttler,  „Historische  ,Westforschung‘“,  249,  261.
91  Fensch,  „DtSB“,  2:  290-310;  cf  AAE,  Allemagne  411,  f.  182-83.
92  ADAP,  Ser.  A,  10:  46-47;  cf  ADBR,  Î21AL107:  Liste  der  verschiedenen  Dienste  des  DSB.
93  PAAA,  R60323,  f  K657079-80:  [Max  Hildebert  Boehm,  Pseud.]  Hugin,  „Kämpfer  für  deutsches
  Volkstum:  Führer  im  Grenz-  und  Ausland:  21.  Robert  Emst“,  Vossische  Zeitung
(12.5.1933).
94  Léon  Strauss,  „Emst,  Robert  Frédéric“,  Nouveau  dictionnaire  de  biographie  alsacienne,  réd.
Jean-Pierre  Kintz,  Fédération  des  Sociétés  d’Histoire  et  d’Archéologie  d’Alsace  (Strasbourg:
FSHAA,  1984),  844-47.  Nicht  immer  konnte  Irmgard  Grünewald,  Die  Elsaß-Lothringer  im
Reich  1918-1933:  Ihre  Organisation  zwischen  Integration  und  ,,  Kampf  um  die  Seele  der
Heimat“,  Europäische  Hochschulschriften,  3:  Geschichte  und  ihre  Hilfswissenschaften,  232
(Bern:  Lang,  1984),  258-60  die  kritische  Distanz  zu  ihrem  Studienobjekt  Robert  Ernst  wahren.

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