Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Feststellung,  die  preußische  Herrschaft  habe  Saarländer  in  Massen  aus  dem  Land
getrieben,  wurde  von  Metz  mit  der  starken  Einwanderung  und  dem  ausschließlich
von  Deutschland  beeinflussten  Wirtschaftsaufschwung  im  19.  Jahrhundert  widerlegt.
  Die  aktuelle  Saargrenze,  so  Metz  abschließend,  sei  von  Frankreich  nur  aus
militärischen  und  politischen  Erwägungen  gezogen  worden.7'  Fritz  Kloevekorn
aus  Saarbrücken  interpretierte,  dass  der  Anschluss  der  Saarlande  an  Preußen  im
Zweiten  Pariser  Frieden  durch  eine  „Art  Volksabstimmung“  zu  Stande  gekommen
sei,  und  gab  mit  der  Umdeutung  der  Kundgebungen,  Petitionen,  Gemeinderatsbeschlüsse
  und  Deputationen  der  Saarbrücker  und  Saarlouiser  Bürger  von  1815  zu
einem  Plebiszit  Ausblick  und  Hoffnung  auf  die  Saarabstimmung  von  1935.* 74
Nicht  nur  in  den  Zirkeln  Leipzigs  kümmerte  man  sich  wissenschaftlich  um  das
Saargebiet.  Universitäten  und  Hochschulen  im  Deutschen  Reich  und  in  der  Republik
  Österreich  hatten  sich  ebenfalls  der  nationalen  Sache  verpflichtet.  Walther
Cartellieri,  der  Leiter  des  Saarwirtschaftsarchives,7"  hielt  im  Februar  1933  in  der
Universität  Innsbruck  einen  vom  Grenzlandamt  der  Deutschen  Studentenschaft
Innsbruck  veranstalteten  Vortrag  zum  Thema  „Kampf  um  das  Saargebiet“  und
sagte  einen  Anteil  von  99  Prozent  Ja-Stimmen  für  die  Rückgliederung  vorher.76
Studentenschaften  und  Korporationen  veranstalteten  Saar-Kundgebungen,  organisierten
  Saarfahrten  und  übernahmen  Patenschaften  für  exponierte  Grenzgemeinden,
um  dort  das  Nationalgefühl  zu  stärken.77  Den  Saarländern  wurde  die  fürsorgliche
Belagerung  durch  die  vaterländischen  Studenten  bald  zu  viel.  Aus  „Betreuung“
war  reichsdeutsche  Bevormundung  und  akademische  Besserwisserei  geworden.
Anfang  1933  schritt  die  Arbeitsgemeinschaft  Saarländischer  Heimatvereine  und
Heimatmuseen  ein,  um  die  studentischen  Grenzlandfahrten  auf  ein  erträgliches

Metz,  „Saargebiet“,  227.
74  Kloevekorns  Diskussionsbeitrag  zu  Metz,  „Das  Saargebiet“,  228.
7  Dr.  Walther  Cartellieri  war  der  Sohn  des  Historikers  Alexander  Cartellieri,  1930  Redakteur  bei
der  Rheinisch-Westfälischen  Zeitung',  „Dr,  Walther  Cartellieri,  Saarbrücken“,  Der  Saar-Befreiungskampf
  im  Reich  1918-1935,  Hg.  Theodor  Vogel,  Saargebietsschutz,  Geschäftsstelle
„Saar-Verein“  Berlin,  Bund  der  Saarvereine,  Der  Saar-Freund,  Schlussbd.  (Berlin:  Dt.  Zentraldr.,
1935),  358.  Ich  danke  Herrn  Prof.  Dr.  Fritz  Hellwig  für  die  freundliche  Zusendung  dieser  Fotokopie.
  Cf.  StdASb,  Großstadt/2887:  Neikes  an  Faust,  an  Haslinde  u.  an  Voigt  v.  26.3.1930.
76  AAE,  Sarre  280,  f.  177-78:  Clauzel  an  Joseph  Paul-Boncour  v.  10.2.1933,  Zitat  f.  177;  cf.
Michael  Gehler,  Studenten  und  Politik:  Der  Kampf  um  die  Vorherrschaft  an  der  Universität
Innsbruck  1918-1938,  Innsbrucker  Forschungen  zur  Zeitgeschichte,  6  (Innsbruck:  Haymon,
1990),  128-30;  John  Haag,  „Triumph  and  Neglect:  Austrian  Hochschulen  and  the  Anschluss“,
Austria,  1938-1988:  Anschluss  and  Fifty  Years,  ed.  and  introd.  William  E.  Wright,  Studies  in
Austrian  Literature,  Culture,  and  Thought  (Riverside,  CA:  Ariadne,  1995),  135-66,  hier  135-36.
  Die  propagandistische  Prognose  von  99%  scheint  vom  VDA  ausgegeben  worden  zu  sein:
cf.  Hans  Steinacher,  „Saar  und  Westgebiete“,  Bundesleiter  des  VDA  1933-1937:  Erinnerungen
und  Dokumente,  Hg.  Hans-Adolf  Jacobsen,  Schriften  des  Bundesarchivs,  19  (Boppard,  Rh.:
Boldt,  1970),  155.
7  BayHStA,  MA  106126:  Einladung  des  Bayer.  MP  zum  12.1.1935  ;  AAE,  Sarre  280,  f.  171:
André  François-Poncet  (frz.  Botschafter  in  Berlin)  an  Paul-Boncour  v.  19.1.1933;  f.  167-68:
Spezialbüro  der  Sûreté  Générale  in  Boulay  an  Präfekten  der  Moselle,  an  die  Contrôle  Général
in  Strasbourg  u.  an  den  Direktor  in  Paris  v.  8.  u.  9.1.1933.

63
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.