Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Nationalsozialismus.  Kritik  deutscher  Historiker  an  Onckens  Frankreichbild  wurde
nicht  laut.69
Volks-  und  Kulturbodenforschling
In  den  1920-er  Jahren  berieten  sich  unter  der  Leitung  der  Professoren  Wilhelm
Volz  und  Albrecht  Penck  von  der  Leipziger  Stiftung  für  deutsche  Volks-  und
Kulturbodenforschung  deutsche  Wissenschaftler  über  die  territorialen  Fragen  des
Versailler  Friedens,  vor  allem  über  die  Hintergründe  der  deutschen  Gebietsverluste.
  Man  ahmte  das  französische  und  polnische  Beispiel  aus  dem  Weltkrieg
nach  und  wollte  die  Wissenschaft  den  nationalen  Interessen  dienstbar  machen,
wozu  Politiker  an  den  Konferenztisch  gebeten  wurden.  Durch  die  Leipziger
Stiftung  wurde  der  Volkstumsbegriff  in  der  Geschichtswissenschaft  verbreitet.
Mit  der  Vorstellung  eines  deutschen  Volks-  und  Kulturbodens  verbanden  die
Leipziger  Forscher  alle  Orte,  auf  denen  jemals  Menschen,  die  von  Deutschen
abstammten,  gesiedelt  hätten  oder  noch  siedelten.  0  Friedrich  Metz  (1890-1969),
ein  enger  Mitarbeiter  der  Stiftung,  begegnete  auf  einer  ihrer  Tagungen  französischen
  Behauptungen  zum  Saargebiet.  1  Die  zahlreichen  Orte  mit  der  Endung  auf
-weder,  die  französischerseits  als  Zeugnis  römischer  Siedlung  beansprucht
wurden,  seien  allesamt  mittelalterlichen  Ursprungs.72  Mit  der  Industrialisierung
sei  das  Saarland  überwiegend  aus  den  „benachbarten  und  stammverwandten
pfälzischen  und  rheinischen  Gebieten“  stärker  bevölkert  worden.  Tardieus

69 Hajo  Holborn,  „Onckens  Werk  über  die  Rheinpolitik  Napoleons  III.“,  Historische  Zeitschrift,
139  (1928),  303-13,  hier  306-08  stimmte  zwar  nicht  mit  Onckens  Vermengung  von  Kriegsursachen
  und  Kriegsschuld  überein,  lobte  aber,  dass  Oncken  „eine  der  großen  universalen
Tendenzen  der  französischen  Geschichte,  eben  die  traditionelle  Rheinpolitik,  in  ihrer  vollen
Wucht  hervortreten“  lasse.  Unrichtig  ist  Hellwigs,  Kampf  2  Behauptung,  Holborn  hätte  die
Rheindrangthese  Onckens  „skeptisch“  aufgenommen.  Kritik  an  Onckens  Voreingenommenheit
und  letztlich  an  seiner  These  von  einer  intransigenten  französischen  Rheinpolitik  kam  aus  den
USA:  R.  H.  Lord,  „[Review]  Hermann  Oncken,  Die  Rheinpolitik  Kaiser  Napoleons  III.  von
1863  bis  1870  und  der  Ursprung  des  Krieges  von  1870-1871  (1926)“,  The  American  Historical
Review,  32  (1926/27),  109-12,  hier  110.
711  Michael  Fahlbusch,  „Wo  der  deutsche  ...  ist,  ist  Deutschland!“  Die  Stiftung  für  deutsche  Volksund
  Kulturbodenforschung  in  Leipzig  1920-1933,  Abhandlungen  zur  Geschichte  der  Geowissenschaften
  und  Religion/Umwelt-Forschung,  6  (Bochum:  Brockmeyer,  1994),  264-71;  cf.  Mehmel,
„Deutsche  Revisionspolitik“,  499-504;  Der  westdeutsche  Volksboden:  Aufsätze  zu  den  Fragen  des
Westens,  Hg.  Wilhelm  Volz  (Breslau:  Hirt,  1925);  Willi  Oberkrome,  „Probleme  deutscher  Landesgeschichtsschreibung
  im  20.  Jahrhundert:  Regionale  Historiographie  im  Spannungsfeld  von
Politik  und  Wissenschaft“,  Westfälische  Forschungen,  46  (1996),  1-32;  Schönwälder,  Historiker
und  Politik,  51-53;  Haar,  Historiker,  25-36.
[Friedrich]  Metz,  „Das  Saargebiet“,  Stiftung  für  deutsche  Volks-  und  Kulturbodenforschung
Leipzig:  Die  Tagungen  der  Jahre  ¡923-1929:  Wilhelm  Volz  zum  60.  Geburtstag,  Hg.  v.  Verwaltungsrat
  d.  Stiftung  für  deutsche  Volks-  und  Kulturbodenforschung  [Langensalza:  Beltz,  1930],
226-28,  hier  226;  cf.  Fahlbusch,  „  Wo  der  deutsche  ",  139-44;  id.,  Wissenschaft,  360-66.
Fr[anz]  Petri,  „[Besprechung]  Paul  Levy,  Histoire  linguistique  d’Alsace  et  de  Lorraine
(1929)“,  Rheinische  Vierteljahrsblätter,  4  (1934),  314-18,  hier  316;  cf.  Martina  Pitz,  Siedlungsnamen
  auf  -villare  (-weder,  -villers)  zwischen  Mosel,  Hunsrück  und  Vogesen:  Untersuchungen
zu  einem  germanisch-romanischen  Mischtypus  der  jüngeren  Merowinger-  und  der  Karolingerzeit,
  Beiträge  zur  Sprache  im  Saar-Mosel-Raum,  12  (Saarbrücken:  SDV,  1997),  1:  20,  23-24.

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