Full text : Volk, Reich und Westgrenze

der  Vergangenheit  Lebensrecht  zu.  Seitdem  habe  das  Saarbecken  nur  mit  kurzen
Unterbrechungen  „dem  deutschen  Staat  und  dem  deutschen  Volkstum  zugehört“.
Die  Einführung  des  Volkstumsbegriffes  in  die  traditionell  staatsfixierte  deutsche
Geschichtswissenschaft  durch  Oncken  erklärt  sich  aus  der  spezifischen  Situation
an  den  Grenzen  des  deutschen  Staates  nach  den  territorialen  Verlusten.64  Aus  der
Ostverschiebung  der  Grenze  zwischen  Frankreich  und  dem  Reich  in  den  letzten
drei  Jahrhunderten  leitete  Oncken  eine  Kontinuität  französischer  Ostpolitik  ab,
die  unverändert  seit  Richelieus  Zeiten  nach  der  Rheingrenze  und  damit  nach  der
europäischen  Hegemonie  trachtete.  Auf  dem  Weg  zum  Rhein  störe  nur  das  Reich.
Frankreich  wolle  es  militärisch  und  politisch  zerschlagen  und  einen  deutschen
Nationalstaat  verhindern.65  Die  Machtinteressen  des  französischen  Staates  sah
Oncken  ähnlich  wie  Kern  als  unveränderlich  gegeben  an.66  Das  Auswärtige  Amt
unterstützte  Onckens  Arbeit  und  sandte  über  65  Exemplare  seiner  Historischen
Rheinpolitik  der  Franzosen  an  deutsche  Vertretungen  in  aller  Welt.  Für  den
englischsprachigen  Markt  schaffte  das  Ministerium  100  Exemplare  der  amerikanischen
  Kurzversion  an.6  Die  Oncken-These  machte  in  der  deutschen  Geschichtswissenschaft
  Schule.  Sie  wurde  die  Grundlage  der  meisten  Darstellungen  zu
den  deutsch-französischen  Beziehungen  in  der  Weimarer  Republik68  und  im

64  Oncken,  „Historische  Beleuchtung“,  15;  cf.  Rüdiger  vom  Bruch,  „Oncken,  Hermann  (1869-1945)“,
  Historikerlexikon:  Von  der  Antike  bis  zum  20.  Jahrhundert,  Hg.  id.,  Rainer  A.  Müller
(München:  Beck,  1991),  226-27.
65  Auch  französische  Diplomaten  glaubten  bisweilen  an  den  Mythos  einer  über  die  Epochen
gleich  bleibenden  französischen  Deutschlandpolitik;  f.  60r:  A  AE,  Allemagne  407:  Frz.  Gesandter
in  Bayern  [Emile  Dard]  an  MAE  v.  14.11.1921:  „Pour  contenir  l’ambition  démesurée  de
l’Allemagne  au  centre  de  l’Europe,  pour  briser  l’unité  de  race  à  laquelle  elle  ne  cesse  d’aspirer,
notre  politique  traditionelle  consistait  à  protéger  les  petits  Etats  allemands  et  à  opposer  l’une  à
l’autre  les  deux  grandes  dynasties  rivales  Hohenzollern  et  Habsbourg.“  Cf.  Bringmann,  Handbuch
  der  Diplomatie,  188.
66  Oncken,  „Historische  Beleuchtung“,  19.
67  PAAA,  R65243:  Dr.  Trutter  u.  Dr.  Bischoff  an  verschiedene  dt.  Botschaften  bzw.  Gesandtschaften
  v.  26.5.1922.  Die  deutschen  Gesandtschaften  bestellten  solange  Exemplare,  bis  dem
AA  der  Vorrat  ausging.  PAAA,  R65243:  Hermann  Oncken,  The  Historical  Rhine  Policy  of  the
French,  introd.  Ferdinand  Schevill,  The  Freeman  Pamphlets  (New  York:  Huebsch,  1923);  cf.
Botschaft  Washington  an  AA  v.  21.6.1923,  AA  an  Botschaft  Washington  v.  9.8.1923.
68  Die  Kopisten  der  Oncken-These  sind  Legion:  Kurt  Trampier,  Um  Volksboden  und  Grenze,
Schriften  zur  Geopolitik,  9  (Heidelberg:  Vowinckel,  1935),  21-22;  Grimm,  Frankreich,  19-34:
Kap.  „Frankreichs  ewige  These“;  Joachim  Kühn,  „Der  Nationalismus  im  politischen  Leben  der
dritten  Republik“,  Der  Nationalismus  im  Leben  der  dritten  Republik,  Hg.  id.,  in  Verb,  mit
Marie  Luise  Becker  [et  al.]  (Berlin:  Paetel,  1920),  1-78,  hier  1;  cf.  Klemperer,  „Frankreichbild
11",  74;  AAE,  Allemagne  410,  f.  254:  Service  des  Œuvres  françaises  à  l’Etranger  -  Section  des
Attachés  Militaires  v.  22.6.1926  zu  Analogien  von  Hermann  Stegemann,  Das  Trugbild  von
Versailles:  Weltgeschichtliche  Zusammenhänge  und  strategische  Perspektiven  (Stuttgart:
DVA,  1926)  zu  Oncken;  AAE,  Rive  gauche  du  Rhin  198,  f.  154,  160:  Section  des  Attachés
Militaires  v.  5.5.1927  über  die  Hallenser  Universitätsvorträge  zur  Jahrtausendfeier  der  Rheinlande,
  Der  Deutsche  und  das  Rheingebiet  v.  G[ustav]  Aubin,  G.  Baesecke,  J.  Ficker,  M.
Fleischmann,  Paul  Frankl,  H.  Hahne,  R.  Holtzmann,  O.  Schlüter,  J.  F.  Schneider  und  K.
Voretzsch,  Professoren  der  Universität  Halle-Wittenberg  (Halle:  Waisenhaus,  1926).

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