Full text : Volk, Reich und Westgrenze

der  einzige  Nachbar,  den  „keine  natürliche  Grenze  von  Frankreich“  trenne,
bekomme  diese  „eigentümliche  Staatskunst“  aus  „Eroberung  und  Diplomatie“  am
ärgsten  zu  spüren.58  Um  fremde  „Ansprüche  auf  das  Rheingebiet“  abzuwehren,
schrieb  ein  halbes  Jahr  vor  Kriegsende  der  Bonner  Mittelalterprofessor  Aloys
Schulte  (1857-1941)  Frankreich  einen  kontinuierlichen  Rheindrang  zu.59  1919
präzisierte  der  schon  im  Krieg  an  der  staatlichen  Kulturpropaganda  beteiligte
Historiker  Hermann  Oncken  (1869-1945),  das  theoretische  Modell  einer  historischen
  Kontinuität  der  französischen  Ostexpansion,  um  Frankreich  die  Schuld
am  Ersten  Weltkrieg  zuzuweisen.  Wie  kein  Zweiter  verbreitete  er  in  Büchern,
Artikeln  und  bei  öffentlichen  Vorträgen  die  Idee  von  einem  französischen  Drang
nach  Osten.60  Das  französische  Außenministerium  benannte  die  Kontinuitätsthese
nach  Oncken  und  verfolgte,  schon  wegen  der  elsass-Iothringischen  Implikationen,
aufmerksam  ihre  Diskussion.61  Onckens  Haltung  war  typisch  für  die  Mehrheit  der

Fritz  Kern,  Die  Anfänge  der  französischen  Ausdehnungspolitik  bis  zum  Jahr  1308  (Tübingen:
Mohr,  1910),  4;  cf.  Günther  Franz,  „Kern,  Fritz“,  Biographisches  Wörterbuch  zur  deutschen
Geschichte,  begr.  v.  Hellmuth  Rößler,  Günther  Franz,  2.,  völlig  neubearb.  u.  stark  erw.  Auf.,
Bearb.  Karl  Bosl,  Günther  Franz,  Hanns  Hubert  Hofmann  (München:  Francke  1974),  2:  1475-76.
59  Aloys  Schulte,  Frankreich  und  das  linke  Rheinufer,  2.,  durchges.  Aufl.  (Stuttgart:  DVA,
1918),  349-50;  cf.  Friedrich  Metz,  „Aloys  Schulte  und  die  deutsche  Landes-  und  Volksforschung
  (1937)“,  Land  und  Leute:  Gesammelte  Beiträge  zur  deutschen  Landes-  und  Volksforschung,
  zsgest.  u.  hg.  v.  E[mil]  Meynen,  R[uthardt]  Oehme  (Stuttgart:  Kohlhammer,  1961),
72-75,  hier  73;  Luise  Schorn-Schütte,  „Schulte,  Aloys  (1857-1941)“,  Historikerlexikon:  Von
der  Antike  bis  zum  20.  Jahrhundert,  Hg.  Rüdiger  vom  Bruch,  Rainer  A.  Müller  (München:
Beck,  1991),  283-84,  hier  284;  Max  Braubach,  „Aloys  Schulte:  1857-1941“,  Bonner  Gelehrte:
Beiträge  zur  Geschichte  der  Wissenschaften  in  Bonn:  Geschichtswissenschaften,  150  Jahre
Rheinische  Friedrich-Wilhelms-Universität  zu  Bonn  1818-1968  [2,  6]  (Bonn:  Röhrscheid,
1968),  299-310;  Wolfgang  Weber,  Biographisches  Lexikon  zur  Geschichtswissenschaft  in
Deutschland,  Österreich  und  der  Schweiz:  Die  Lehrstuhlinhaber  für  Geschichte  von  den  Anfängen
  des  Faches  bis  1970  (Bern:  Lang,  1984),  539-40.
60  Hermann  Oncken,  „Historische  Beleuchtung  der  französischen  Ansprüche  auf  das  Saarbecken
  (Abgekürzte  Wiedergabe  eines  in  der  ,Woche1  Nr.  10  vom  8.  März  1919  erschienenen
Artikels)“,  Das  Saargebiet  unter  der  Herrschaft  des  Waffenstillstandsabkommens  und  des  Vertrags
  von  Versailles:  Als  Weißbuch  von  der  deutschen  Regierung  dem  Reichstag  vorgelegt
(Berlin:  Stilke,  1921),  15-19;  cf.  Christoph  Comelißen,  „Politische  Historiker  und  deutsche
Kultur:  Die  Schriften  und  Reden  von  Georg  v.  Below,  Hermann  Oncken  und  Gerhard  Ritter  im
Ersten  Weltkrieg“,  Kultur  und  Krieg:  Die  Rolle  der  Intellektuellen,  Künstler  und  Schriftsteller
im  Ersten  Weltkrieg,  Hg.  Wolfgang  J.  Mommsen,  Mitarb.  Elisabeth  Müller-Luckner,  Schriften
des  Historischen  Kollegs:  Kolloquien,  34  (München:  Oldenbourg,  1996),  120-42,  hier  127-29;
Heinz  Sproll,  Französische  Revolution  und  Napoleonische  Zeit  in  der  historisch-politischen
Kultur  der  Weimarer  Republik:  Geschichtswissenschaft  und  Geschichtsunterricht  ¡918-1933,
Schriften  der  Philosophischen  Fakultäten  der  Universität  Augsburg:  Historisch-sozialwissenschaftliche
  Reihe,  42  (München:  Vögel,  1992),  107;  W.  Weber,  Biographisches  Lexikon,  424-25;
  Roland  A.  Höhne,  „Die  Frankreichhistoriographie  der  Weimarer  Republik  am  Beispiel  von
Hermann  Oncken“,  Kritik  der  Frankreichforschung:  1871-1975,  Hg.  Michael  Nerlich,
Argument  Sonderbd.  13  (Berlin:  Argument,  1977),  98  gab  1922  (Veröffentlichung  von  Die
historische  Rheinpolitik  der  Franzosen)  als  das  Jahr  an,  da  Oncken  die  Kontinuitätsthese
aufgestellt  habe;  dabei  ließ  er  Onckens  Artikel,  „Historische  Beleuchtung  ..."  vom  Frühjahr
1919  außer  Acht,  der  schon  alle  ihre  Elemente  versammelt  hatte.  Cf
AAE,  Rive  gauche  du  Rhin  195:  f.  58:  Tirard,  Geheimer  Bericht  an  Poincare  v.  16.3.1922
über  die  Gründung  eines  Rheinlandausschusses  an  der  Heidelberger  Universität,  auf  dessen
erster  Sitzung  am  31.1.1922  Oncken  vor  einem  akademischem  Publikum  die  großen  Züge  der
französischen  Rheinpolitik  vom  Westfalischen  bis  zum  Versailler  Frieden  gezeichnet  habe:  „Le

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