Full text: Volk, Reich und Westgrenze

1. Französische Saarforschung im und nach dem Ersten Weltkrieg 
Comité d'études 1917/18 
Im Ersten Weltkrieg traten den Regierungen die Wissenschaften an die Seite. 
Forscher leisteten ihren „Ersatzdienst“ fürs Vaterland und taten sich zusammen, 
die politischen Forderungen ihrer Staatsführungen mit gelehrten Begründungen 
zu beglaubigen.3 
Beraten vom Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Nancy Charles 
Benoît ließ Premierminister Aristide Briand Anfang 1917 zur Verwissenschaft¬ 
lichung der französischen Gebietsansprüche und Sicherheitsgarantien gegen 
Deutschland die namhaftesten französischen Historiker und Geographen Zu¬ 
sammenkommen.4 Eine solche Einrichtung war im Ersten Weltkrieg bei den 
Alliierten keine Seltenheit. Der Präsident der USA ließ sich von einem Inquiry 
der American Geographical Society wissenschaftliches Grundlagenmaterial erar¬ 
beiten5 und polnische Wissenschaftler bekundeten die territorialen Rechte ihrer 
Nation und beeinflussten die Friedenskonferenz von Versailles.6 
Als halbstaatliches Comité d’études fassten die französischen Gelehrten den For¬ 
schungsstand zu Saar und Rhein zusammen und stellten einen Katalog historisch 
3 Peter Schöttler, „Der Rhein als Konfliktthema zwischen deutschen und französischen Histori¬ 
kern in der Zwischenkriegszeit“, 1999, 9 (1994), H. 2, 46-67, hier 47; cf. Emst Schulin, 
„Weltkriegserfahrung und Historikerreaktion“, Geschichtsdiskurs, Bd. 4: Krisenbewußtsein, 
Katastrophenerfahrungen und Innovationen 1880-1945, Hg. id„ Wolfgang Küttler, Jörn Rüsen, 
Beitr. Wolfgang Bialas [et al.] (Frankfurt, M.: Fischer, 1997), 165-88, hier 167; Andreas 
Kleinert, Der „Krieg der Geister“: Deutsche und französische Wissenschaftler im Ersten Welt¬ 
krieg, Vortragsveranstaltung 1995 der Deutsch-Französischen Gesellschaft für Wissenschaft 
und Technologie, Wissenschaft und Technologie in Deutschland und Frankreich seit 1800,8 
(Bonn: D1HT, 1995); Beate Gödde-Baumanns, Deutsche Geschichte in französischer Sicht: 
Die französische Historiographie von 1871 bis 1918 über die Geschichte Deutschlands und der 
deutsch-französischen Beziehungen in der Neuzeit, Veröffentlichungen des Instituts für Euro¬ 
päische Geschichte Mainz, 49 (Wiesbaden: Steiner, 1971), 351. 
4 Ausführlich zur französischen Annexionsdiskussion im Ersten Weltkrieg und zum Comité 
d’études: Michael Heffernan, „History, Geography and the French National Space: The 
Question of Alsace-Lorraine, 1914-18“, Space & Polity, 5 (2001), 27-48. Für den Hinweis auf 
diesen Artikel danke ich Georg Glasze (Mainz). 
5 Astrid Mehmel, „Deutsche Revisionspolitik in der Geographie nach dem Ersten Weltkrieg“, 
Geographische Rundschau, 47 (1995), 498-505, hier 499. 
6 Roland Gehrke, Der polnische Westgedanke bis zur Wiedererrichtung des polnischen Staates 
nach Ende des Ersten Weltkrieges: Genese und Begründung polnischer Gebietsansprüche ge¬ 
genüber Deutschland im Zeitalter des europäischen Nationalismus, Materialien und Studien 
zur Ostmitteleuropa-Forschung, 8 (Marburg: Herder-Inst., 2001); Bronislaw Kortus, „Der pol¬ 
nische Westgedanke und die Geographie“, Deutsche Ostforschung und polnische Westfor¬ 
schung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik: Disziplinen im Vergleich, Hg. Jan M. 
Piskorski, in Verb, mit Jörg Hackmann, Rudolf Jaworski, Nachw. Michael Burleigh, Deutsche 
Ostforschung und polnische Westforschung, 1 (Osnabrück: fibre / Posnan: PTPN, 2002), 239- 
59, hier 240-42; cf. Antoni Czubinski, „Der polnische West-Gedanke des XIX. und XX. 
Jahrhunderts“, Polnische Weststudien, 4 (1985), 33-49, hier 48-51. 
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