Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Naturgegebenheiten  und  dem  wirklichen  Stärkeverhältnis  zwischen  Deutsch  und
Französisch  anzupassen“  sei.145
Genau  dies  tat  Bürckel.  In  konsequenter  Fortsetzung  seiner  Westmark-Idee  führte
er  nach  der  faktischen  Annexion  der  Moselle  eine  brutale  Germanisierungspolitik
gegen  französische  Kultureinflüsse  durch,  vertrieb  mehr  als  100  000  frankophone
Lothringer,  um  auf  ihren  Höfen  saarpfalzische  Bauern  anzusiedeln  und  streckte
seine  Hand  nach  anderen  Departements  der  Lorraine  aus.146  Für  die  Nachkriegszeit
  verlangte  er  die  förmliche  Anerkennung  seines  Gaues  Westmark  als  Gebietskörperschaft
  des  Deutschen  Reiches.147  Soweit  sollte  es  nicht  kommen.  Die  letzte
offizielle  Nennung  des  Namens  „Westmark“  finden  wir  im  Aufmacher  zur  letzten
Ausgabe  der  NSZ  Westmark  vom  20.  März  1945:  „Starke  Sperriegel  festigen  die
Westmarkfront“.  Diese  Ausgabe  wurde  schon  von  den  amerikanischen  Truppen
beschlagnahmt.I4X
Bei  der  Bevölkerung  war  der  Westmark-Begriff  als  Ersatz  für  die  historischen
[Bezeichnungen  „Pfalz“  oder  gar  „Lothringen“  kaum  akzeptiert.  Hans  Fenske
brachte  es  auf  den  Punkt:  „Westmarkbewußtsein  hatten,  um  es  pointiert  zu  sagen,
Gauleiter  Bürckel,  das  Funktionärskorps  der  Partei  und  etliche  Intellektuelle,  aber
nicht  die  Pfälzer,  Saarländer  oder  Lothringer.“149  Nach  1945  war  der  Begriff
schnei!  vergessen.  Mit  dem  Ende  des  Nationalsozialismus  und  des  deutschen
Imperialismus  verlor  das  Wort  ,Westmark’  seine  Gesellschaftsfähigkeit.  Nur
studentische  Verbindungen  schmücken  sich  heutzutage  mit  dem  markigen  Namen
und  stellen  sich  damit  in  dessen  chauvinistische  und  frankophobe  Tradition.1'’0
Wenn  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  die  meisten  Deutschen  unter  der  ,Westmark’
nicht  mehr  ein  bedrohtes  Grenzgebiet,  sondern  das  in  der  Bundesrepublik

145  Loesch,  „Westmark  im  Umbruch“,  62  u.  72,  cf.  71;  cf.  Hellwig,  Kampf,  15;  Hans-Dietrich
Schultz,  „Land-  Volk  -  Staat:  Der  geografische  Anteil  an  der  ,Erfindung1  der  Nation“,
Geschichte  in  Wissenschaft  und  Unterricht,  51  (2000),  4-16,  hier  12-16.
140  Schepua,  ,„Sozialismus  der  Tat“1,  592;  Uwe  Mai,  „Volkstumspolitik  in  Lothringen“,
Heimatbewegung  und  NS-Kulturpolitik  in  Hessen,  Pfalz,  Elsaß  und  Lothringen:  Dokumentation
eines  Seminars,  Hg.  Förderverein  Projekt  Osthofen  e.  V.,  in  Koop.  mit  d.  Landeszentrale  für
politische  Bildung  Rheinland-Pfalz  (Osthofen:  Förderverein,  1999),  128-46,  hier  134-35;  cf.
id.,  „Rasse  und  Raum":  Agrarpolitik,  Sozial-  und  Raumplanung  im  NS-Staat,  Sammlung
Schöningh  zur  Geschichte  und  Gegenwart  (Paderborn:  Schöningh,  2002),  223-83;  Hans
Schaefer,  Bürckels  Bauernsiedlung:  Nationalsozialistische  Siedlungspolitik  in  Lothringen
während  der  „verschleierten"  Annexion  1940-1944  (Saarbrücken-Dudweiler:  Pirrot,  1997);  cf.
PAAA,  R105123,  f.  E207923-65:  Bürckel,  Fragen  gegenüber  Frankreich:  Denkschrift  samt
Anlagen  v.  Okt.  1941;  Ich  danke  Ingo  Haar  für  den  Hinweis  auf  diesen  Bestand.
14  Hans  Fenske,  „Die  Pfalz  und  Bayern  1816-1956  -  Ein  Tagungsbericht“,  Pfälzer  Heimat,  49
(1998),  18-22,  hier  21.
Heinz  Friedei,  Kaiserslautern:  Von  der  Kaiserzeit  bis  zur  Universitätsgründung  (Kaiserslautern:
  Geschw.  Schmidt,  1998),  116-17.
I4;  Fenske,  „Rheinkreis“,  217.
"  Wie  z.  B.  die  Deutsche  Hochschulgilde  Westmark  zu  Karlsruhe,  die  Akademische  Turnverbindung
  Westmark  zu  Münster  oder  die  Burschenschaft  Westmark  im  Schwarzburgbund  zu
Aachen;  http://www.dhg-westmark.de/home.htm,  http://www.atv-westmark.de,  http://wwwusers.rwth-aachen.de/westmark/frame.html
  (15.1.2005).

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