Full text : Volk, Reich und Westgrenze

in  der  Ferne  bald  heimisch  und  entwickelte  eigene  Triebe.  Die  SFG  ist  ein
Beispiel  gelungener  deutschtumswissenschaftlicher  Koordination;  der  Einsatz
rheinischer  Wissenschaftler  an  der  Saar  beeinflusste  die  Saarabstimmung  positiv
und  die  organisatorischen  Kenntnisse,  die  Hermann  Aubin  und  Franz  Steinbach  in
der  SFG  erwarben,  kamen  der  Führung  von  Westdeutscher  Forschungsgemeinschaft
  (WFG)  und  Nord-  und  ostdeutscher  Forschungsgemeinschaft  zugute.
Inhaltlich  förderte  die  SFG  nicht  nur,  was  politisch  unmittelbar  verwertbar  war,
sondern  alle  auf  die  mittlere  Saar  bezogenen  natur-  und  geisteswissenschaftlichen
Arbeiten.  Allerdings  rückten  ab  1930  rechts-  und  sozialwissenschaftliche  Fragen
in  den  Vordergrund  und  das  große  politische  Interesse  an  der  Saarforschung  wurde
in  der  engen  Kooperation  der  Berliner  Ministerien  und  der  SFG  bei  der  Auswahl
der  Inhalte  für  den  Saar-Atlas  sichtbar.
Die  ideologischen  Vorstellungen  der  französischen  und  der  deutschen  Wissenschaften
  von  der  saarländischen  Geschichte,  Geographie,  Wirtschaft  und  Gesellschaft
  unterschieden  sich.  Das  saarländische  Beispiel  eines  Landes  zwischen  den
Ländern  veranschaulicht  die  deutschen  und  französischen  wissenschaftlichen
Herangehensweisen  in  ihrer  Gegensätzlichkeit,  in  ihrem  gegenseitigen  Verständnis
und  in  ihrer  wechselseitigen  Bezugnahme.  Für  das  Saargebiet  hatten  Deutschland
und  Frankreich  unterschiedliche  kultur-  und  wissenschaftspolitische  Konzepte,
aber  fast  die  gleichen  Argumente.  Beide  Lager  bezeichneten  die  eigene  territoriale
Stellung  als  notwendige  Verteidigungsposition  gegen  feindliche  Expansion.  Geographisch,
  politisch-historisch,  wirtschaftlich  und  landschaftlich  hätte  die  Saargegend
  mehr  mit  der  eigenen  Seite  zu  schaffen  als  mit  der  gegnerischen.  Die
gegnerische  Forschung  stehe  grundsätzlich  im  Dienste  der  nationalen  Politik  und
konstruiere  ihre  Beweise.  Die  eigene  Forschung  dagegen  sei  wissenschaftlich
integer  und  damit  politisch  neutral.  Was  Marek  Prawda  in  der  wissenschaftlichen
Territorialauseinandersetzung  der  deutschen  Ost-  und  der  polnischen  Westforschung
  als  das  „Halten  zweier  Monologe“  definierte,  trifft  ebenso  für  das  deutschfranzösische
  Verhältnis  zu,  wenn  man  anfügt,  dass  der  Monolog  vom  gegenüberstehenden
  Akteur  gehört  und  in  dessen  Monolog  aufgegriffen  wurde.  Diese
„,Verbarrikadierung4  des  Forschergeistes“1  führte  auf  beiden  Seiten  zu  unendlichen
  Wiederholungen  der  immer  gleichen  Argumente.  Was  Fritz  Hellwig  für  die
französische  Saarliteratur  feststellte,  galt  ebenso  für  den  größten  Teil  der  deutschen:
  „Es  ist  charakteristisch  für  diese  ganze  Literatur,  daß  kaum  eine  Arbeit  mit
neuen  Gedanken  oder  Beweisen  aufwartet“.2  Man  redete  aneinander  vorbei,  aber
das  in  einem  ununterbrochenen  Wortschwall.

1  Marek  Prawda,  „Der  polnische  Westgedanke  und  die  Soziologie“,  Deutsche  Ostforschung
und  polnische  Westforschung  im  Spannungsfeld  von  Wissenschaft  und  Politik:  Disziplinen  im
Vergleich,  Hg.  Jan  M.  Piskorski,  in  Verb,  mit  Jörg  Hackmann,  Rudolf  Jaworski,  Nachw.
Michael  Burleigh,  Deutsche  Ostforschung  und  polnische  Westforschung,  1  (Osnabrück:  fibre/
Posnan:  PTPN,  2002),  205-22,  hier  205.
2  Hellwig,  Kampf  22.

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