Full text : Volk, Reich und Westgrenze

denen  extremen  Nationalismus,  knüpfte  an  die  antifranzösischen  Ressentiments
der  Pfälzer  und  an  die  antiseparatistische  Agitation  an  und  stilisierte  die  Pfalz
zum  Frontgau  gegen  eine  vermeintliche  politische,  militärische,  ideologische  und
rassische  Bedrohung  durch  den  westlichen  „Erbfeind“.132
Um  die  wissenschaftlich-publizistische  Absicherung  seiner  Westmark-Ideologie
brauchte  Bürckel  sich  nicht  zu  sorgen.  Der  Blut-und-Boden-Theoretiker  und
radikal-antisemitische  Vielschreiber  Dr.  Johann  von  Leers133 134  setzte  „Westmark“
mit  ,,allerschwerste[m]  Abwehrkampf1  gleich  und  schilderte  in  der  Geschichte
der  Westmark  die  „Geschichte  der  Tragik  für  Deutschland“.134  Man  musste  in  der
Pfalz  nicht  lange  schüren,  um  den  Franzosenhass  zu  entfachen.  Westmark  sollte
das  zündende  Wort  werden,  bei  dem  vor  dem  inneren  Auge  des  Pfälzers  Burgen
brannten  und  sich  Ludwig  XIV.,  Napoleon  und  Georges  Clemenceau  zu  einer
Geißel  verbanden.135  Die  nationalsozialistische  Westmark-Ideologie  instrumentalisierte
  pfälzisches  Sonderbewusstsein  im  gesamtdeutschen  antifranzösischen
Konflikt:  „Die  Pfalz  ist  keine  gewöhnliche  Grenzlandschaft,  sondern  die  eigentliche
  Klammerlandschaft,  durch  die  der  Reichskörper  im  Westen  vernietet  ist.“136
Als  „Herzstück  der  Westmark  von  jeher“  bilde  der  Gau  Pfalz  „die  Klammer  der
Westfront  von  morgen“,137  Das  Franzosentum  als  Statthalter  „des  liberalen
Gedankens  in  seiner  schärfsten  Ausprägung“  stand  dabei  stellvertretend  für  alles
Übel  der  Moderne.  Der  französische  Staat  sei  „zentralistisch,  kapitalistisch,
landschaftsfremd,  volkstumsfremd“.138  Die  Grenze  zu  Frankreich  sei  „politische

132 Michael  Schepua  t,  ^Sozialismus  der  Taf  für  das  .Bollwerk  im  Westen1:  Entwicklung  und
Besonderheiten  des  Nationalsozialismus  in  der  Pfalz“,  Jahrbuch  für  westdeutsche  Landesgeschichte,
  25  (1999),  551-601,  hier  591-92.
1  "  Robert  Wistrich,  Wer  war  wer  im  Dritten  Reich:  Anhänger,  Mitläufer,  Gegner  aus  Politik,
Wirtschaft  Militär,  Kunst  und  Wissenschaft,  Übs.  Joachim  Rehork,  Überarb.  Hermann  Weiss,
überarb.,  erw.  u.  illustr.  deutsche  Ausg.  (München:  Hamack,  1983),  171.  Victor  Klemperer,
Tagebücher  1943,  87;  Tagebücher  1944,  129;  Hg.  Walter  Nowojski,  Mitarb.  Hadwig
Klemperer  (Berlin:  AtV,  1999).  Cf.  Gerhard  Hirschfeld,  „Die  Universität  Leiden  unter  dem  Nationalsozialismus“,
  Geschichte  und  Gesellschaft,  23  (1997),  560-91,  hier  567;  Wolfgang
Behringer,  „Bauem-Franz  und  Rassen-Günther:  Die  politische  Geschichte  des  Agrarhistorikers
Günther  Franz  (1902-1992)“,  Deutsche  Historiker  im  Nationalsozialismus,  Hg.  Winfried
Schulze,  Otto  Gerhard  Oexle,  Mitarb.  Gerd  Helm,  Thomas  Ott,  Die  Zeit  des  Nationalsozialismus
  (Frankfurt,  M.:  Fischer,  1999),  114-41,  hier  116;  Johann  von  Leers,  „Roosevelt  -  USA“,
Die  Westmark,  8  (1940/41),  575-79;  id.,  „Aufstieg  und  Niedergang  des  Judentums  in  Frankreich“,
  Die  Westmark,  9  (1941/42),  102-08;  cf.  id.,  „Frankreich  greift  die  Judenfrage  auf4,  Die
Westmark,  9  (1941/42),  342-45;  id.,  „Die  jüdisch-bolschewistische  Gefahr  in  Südamerika“,  Die
Westmark,  10  (1942/43),  27-31.
134  [Johann]  v[on]  Leers,  „Die  Westmark“,  Die  Westmark,  1  (1933/34),  23-27,  hier  25  u.  23.
1  Kölsch,  „Kulturelle  Sendung“,  10.
136  [Johann]  v[on]  Leers,  „Raum  als  Schicksal“,  Die  Westmark,  1  (1933/34),  214-17,  hier  216;
cf.  Applegate,  Nation,  195,  209,  222.
Kurt  Kölsch,  „Die  Westmark  als  Kampffront  für  das  Reich“,  Die  Westmark,  8  (1940/41),
261-65,  hier  265;  für  die  Zusendung  dieses  Artikels  danke  ich  Lionel  Boissou  (lllzach).
138  Leers,  „Westmark“,  26;  Applegate,  Nation,  172.

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