Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Zusammenfassung

Die  Region,  die  ab  1940  unter  dem  Namen  „Westmark“  zusammengefasst  war,
weist  zwei  kulturelle  Besonderheiten  auf,  die  sie  von  anderen  nationalsozialistischen
  Gauen  unterschied:  Sie  hatte  keine  Universität  -  nur  Lehrerbildungsstätten
-  und  ein  großer  Teil  der  Gauaußengrenze  war  mit  der  nationalen  Grenze
zwischen  Deutschland  und  Frankreich  identisch.  Durch  das  Fehlen  einer  akademischen
  Ausbildungsinstitution  erhöhte  sich  das  wissenschaftliche  Gewicht  der
halbprofessionellen  Regionalforschung.  Die  Leitungen  und  zentralen  Abteilungen
der  lokalen  Forschungsinstitutionen  konnten  mit  Wissenschaftlern  besetzt  werden,
die  anderswo  kaum  einen  akademischen  Posten  erlangt  hätten.  Vor  1945  hatte  es
nur  der  renommierteste  Gauwissenschaftler  Ernst  Christmann  auf  eine  Honorarprofessur
  an  einer  Universität  gebracht,  und  im  letzten  Kriegsjahr  Hermann
Emrich,  als  die  Dozentennot  so  groß  geworden  war,  dass  sogar  politische  Beamte
Lehraufträge  erhielten;  Hermann  Overbeck  war  immerhin  im  Begriff,  von  der
Universität  Heidelberg  berufen  zu  werden.  Alle  anderen  Hochschullehrer,  die  mit
den  Wissenschaftlern  Bürckels  zusammenarbeiteten,  wie  Kurt  von  Raumer  oder
Günther  Franz,  waren  nie  im  Gau  beschäftigt.  Durch  die  wissenschaftsgeographische
  Sonderstellung  der  Westmark  hatten  die  Gauforschungsinstitutionen
einerseits  gewisse  inhaltliche  und  methodische  Freiheiten  gegenüber  der  Hochschulwissenschaft.
  Andererseits  aber  mussten  sie  sich  den  Vorwurf  der  wissenschaftlichen
  Provinzialität  gefallen  lassen  und  waren  stärker  dem  politischen
Druck  der  Gauleitung  ausgesetzt.
Die  Grenze  zu  Frankreich  bestimmte  einen  großen  Teil  der  wissenschaftlichen
Forschung  im  Gau.  Eigentlich  hat  sie  nur  in  der  kurzen  Zeit  zwischen  1935  und
1939,  als  der  innere  Aufbau  des  neuen  Gaues  Saarpfalz  Vorrang  hatte,  nicht  die
Hauptrolle  in  den  Gauwissenschaften  gespielt.  Vor  1935  bildete  die  deutschfranzösische
  Grenze  und  die  Auseinandersetzung  mit  dem  westlichen  Nachbarn
die  Folie  für  fast  die  gesamte  Forschung  der  Saarforschungsgemeinschaft  (SFG),
nach  1939  stand  der  Anschluss  und  die  Germanisierung  der  Moselle  im  Mittelpunkt.
  Durch  die  Erinnerung  an  historische  Konflikte  und  den  französischen  Einfluss
  bildete  sich  im  Gebiet  des  späteren  Gaues  eine  besondere  Bedrohungsidee
heraus,  die  Westmarkideologie,  der  sich  ein  großer  Teil  der  kulturwissenschaftlichen
Forscher  verschrieben.  Die  Westmarkideologie  definierte  französische  Kultur  und
westliche  Zivilisation  als  völkisch  fremd  und  als  gefährlich  für  die  deutsche
Gesellschaftsordnung.  Daher  konzentrierte  sich  die  Gaukulturarbeit  und  die  wissenschaftliche
  Produktion  auf  den  Schutz  des  Deutschtums  an  und  vor  der  Grenze.
Die  wichtigste  saarländische  Wissenschaftsorganisation,  die  SFG,  war  ein  Spross
des  Reiches,  in  Bonn  gekeimt,  von  Berlin  aufgezogen  und  an  der  Saar  eingepflanzt,
  um  dort  vaterländisch  zu  wachsen.  Allerdings  fühlte  sich  der  Schössling

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