Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Stilett,  wohl  der  Dolch,  der  für  den  Rücken  des  deutschen  Volkskörpers  gedacht
war.  Überflüssig  zu  erwähnen,  dass  hier  ein  Angehöriger  der  französischen  Kolonialtruppen
  und  dessen  vermeintlicher  tierischer  Trieb  gegen  das  deutsche  Volk
verleumdet  wurde.  Auch  bei  Koerber  war  die  Westmark  des  Reiches  das  besetzte
Rheinland.127  Am  Rhein  den  französischen  Vormarsch  zu  stoppen  und  zurückzuwerfen,
  wurde  ihre  Aufgabe  seit  1919  definiert.  „Westmark“  war  in  den  1920-er
  Jahren  in  aller  Munde.128  Akademische  Milieus  scheuten  sich  nicht,  wie  zur
Begründung  des  Instituts  für  geschichtliche  Landeskunde  der  Rheinlande  an  der
Universität  Bonn  (IGL),  das  politische  Wort  vom  „Abwehrkampf  in  der  Westmark“
  zu  nutzen.129  Selbst  der  Sozialdemokrat  Otto  Braun  war  sich  nicht  zu
schade,  1930  die  „Räumung  der  deutschen  Westmark“  von  der  alliierten  Besatzung
  zu  feiern.130
Für  die  Nationalsozialisten  Westdeutschlands  lag  es  nahe,  einen  Begriff,  der  salonfähig
  geworden  war  und  mit  dessen  Inhalt  sie  übereinstimmten,  zu  usurpieren  und
mit  der  eigenen  Ideologie  zu  überlagern.  Die  Beliebigkeit  des  Begriffes  lud  dazu
ein,  führte  andererseits  aber  ab  1933  zu  einem  innerfaschistischen  Streit  um  den
Namen  „Westmark“.  Von  Bürckel  wurde  er  für  die  Pfalz  und  von  Gauleiter
Gustav  Simon  für  seinen  Gau  Koblenz-Trier  beansprucht,  dem  er  den  Beinamen
„Westmarkgau“  gegeben  hatte.  Erst  1940/41  konnte  Bürckel  den  Sieg  über  die
„Westmark“  davontragen.131  Er  verband  die  traditionellen  Formen  der  pfälzischen
Volkstumspflege  mit  seiner  „Grenzgauideologie“  und  einem  rassistisch  aufgela¬12

  Adolf-Viktor  von  Koerber,  Bestien  im  Land:  Skizzen  aus  der  mißhandelten  Westmark
(München:  Dt.  Volksverl.,  1923).
'■8  [August]  Ritter  [von  Eberlein],  „Einführung  in  das  Buch“,  Paul  Jacquot,  General  Gérard
und  die  Pfalz:  Enthüllungen  aus  dem  französischen  Generalstab,  Übs.  Thomas  Stein,  Hg.
[August]  Ritter  [von  Eberlein]  (Berlin:  Springer  [1920]),  3-7,  hier  5:  So  der  Chef  der  deutschen
Propaganda  im  besetzten  Rheinland  August  Ritter  von  Eberlein  in  seiner  Einleitung  zu  einem
angeblich  aus  dem  französischen  Generalstab  in  der  Pfalz  stammenden  Buch,  das  er  aller
Wahrscheinlichkeit  nach  selbst  verfasst  hat.  Das  französische  Original,  das  der  deutschen
Übersetzung  zu  Grunde  gelegen  haben  soll,  (Paul  Jacquot,  Le  Général  Gérard  et  le  Palatinat,
novembre  1918  -  septembre  1919,  paru  à  Landau  (Strasbourg:  Impr.  du  Nouveau  journal  de
Strasbourg,  1920),  ist  weder  in  den  einschlägigen  französischen  Bücherverzeichnissen  (Bibliothèque
  nationale  de  France  in  Paris,  Bibliothèque  nationale  et  universitaire  de  Strasbourg),  noch
in  den  Online-Katalogen  der  großen  internationalen  Bibliotheken  (Recherche  mit  dem  Karlsruher
Virtuellen  Katalog,  http://www.ubka.uni-karlsruhe.de/kvk.html,  (27.12.2005)  zu  ermitteln.
129  Schreiben  Hermann  Aubins  und  Aloys  Schuhes  v.  1924;  zit.  nach  Marlene  Nikolay-Panter,
„Geschichte,  Methode,  Politik:  Das  Institut  und  die  geschichtliche  Landeskunde  der  Rheinlande
1920-1945“,  Rheinische  Vierteljahrsblätter,  60  (1996),  233-62,  hier  239;  wieder  aufgelegt  in  Griff
nach  dem  Westen:  Die  „  Westforschung"  der  völkisch-nationalen  Wissenschaften  zum  nordwesteuropäischen
  Raum  (1919-1960),  Hg.  Burkhard  Dietz,  Helmut  Gabel,  Ulrich  Tiedau,  Studien  zur
Geschichte  und  Kultur  Nordwesteuropas,  6  (Münster:  Waxmann,  2003),  689-714.
130  Otto  Braun,  „Die  Befreiung  der  Rheinlande:  Rede  des  preußischen  Ministerpräsidenten  Otto
Braun  bei  der  Befreiungsfeier  in  Koblenz,  22.  Juli  1930“,  Dokumente  der  Deutschen  Politik
und  Geschichte  von  1848  bis  zur  Gegenwart:  Ein  Quellenwerk  für  die  politische  Bildung  und
staatsbürgerliche  Erziehung,  Bd.  3:  Die  Weimarer  Republik  1919-1933,  Hg.  Johannes  Hohlfeld,
  Sonderausg.  f.  d.  Staats-  und  Kommunalbehörden  sowie  f.  Schulen  u.  Bibliotheken  (Berlin:
  Dokumenten-Verl.  [  1951  ]),  310-12,  hier  310.
131  Wolfanger,  „Bürckel  und  Simon“,  405-07.

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