Full text : Volk, Reich und Westgrenze

konnten  und  haben  ja  bis  jetzt  mehr  geleistet  als  die  Saarpfalz.  Man  sollte  nicht
unterschätzen,  was  wir  geleistet  haben  unter  so  unendlich  schweren  Verhältnissen,
  was  wir  riskierten  für  unsere  Person.“  Ein  weiterer  Grund  für  ihren  Brief
war  materieller  Natur.  Für  ihre  Märchenforschung  brauchte  Merkelbach-Pinck  die
Zivilverwaltung  in  Lothringen  und  bat  Emrich  um  ein  Gespräch.  9  Gleichzeitig
erhielten  ihre  Lothringer  Volksmärchen  von  der  DFG  eine  nicht  unbedeutende
Druckkostenbeihilfe.  Wentzckes  diesbezügliches  Gutachten  war  sehr  zurückhaltend:
  „Sie  werden  in  ihr  eine  höchst  tatkräftige  Dame  finden,  die  vom  Wert  und
von  der  Güte  ihrer  Arbeiten  nicht  mit  Unrecht  überzeugt  ist.“  Aber  Harmjanz,
dessen  Ahnenerbe-Abteilung  bei  Merkelbach-Pincks  Beauftragung  beratend  tätig
gewesen  war,  setzte  sich  erfolgreich  für  sie  ein.779 780  Ihre  Bücher  wurden  nachgefragt
  und  es  war  nicht  nur  einer  größeren  Abnahme  durch  die  Zivilverwaltung  in
Lothringen  zu  verdanken,  dass  nach  knapp  einem  Jahr  schon  fast  1000  Stück  ihrer
Lothringer  Volksmärchen  verkauft  waren.  81
Spätestens  nach  den  massiven  Vertreibungen  von  Lothringern  aus  der  Moselle
beurteilte  Merkelbach-Pinck  das  Annexionsregime  kritischer,  da  zwei  ihrer  Geschwister
  davon  betroffen  waren;  ihre  Schwester  Thérèse  war  mit  den  Nonnen  des
Klosters  St-Jean-de-Bassel  in  der  Nacht  vom  21.  auf  den  22.  November  1940  und
ihr  Bruder  Léon  Ende  Juli  1941  „wegen  deutschfeindlicher  Haltung“  vertrieben
worden.?8:  Beim  Chef  der  Präsidialkanzlei  Otto  Meißner,  der  gerade  in  seinem
Elsass-Lothringen-Buch  einen  ihrer  Artikel  veröffentlicht  und  mit  dessen  Frau
Merkelbach-Pinck  gemeinsam  studiert  hatte,78’  beschwerte  sie  sich  Ende  1940
über  die  menschenunwürdige  Behandlung  der  Klosterfrauen  durch  die  Gestapo-Beamten.
  Letztere  hätten  den  Schwestern  mit  Erschießen  gedroht  und  erklärt,  „sie
würden  sie  nackt  aus  den  Betten  holen,  falls  sie  nicht  innerhalb  von  20  Minuten
reisefertig  wären.“784  Eine  von  Bürckel  angestrengte  Untersuchung  gegen  die
beteiligten  SS-Männer  wollte  kein  Fehlverhalten  erkennen,  stattdessen  versuchten
sich  SS  und  Bürckel  an  Merkelbach-Pinck  zu  rächen.  Doch  das  vom  SD  angestrebte
  Verfahren  musste  eingestellt  werden,  da  man  die  Strafantragsfrist  für  eine
Verfolgung  wegen  Beamtenbeleidigung  hatte  verstreichen  lassen.  Als  Vergehen

779  HMP,  G/Besprechungsbelege,  LI:  Merkelbach-Pinck  [an  Emrich]  v.  30.8.1940.
780  BAKo,  R73/13075:  Wentzcke  (ELI)  an  Griewank  v.  3.6.1940,  cf.  Merkelbach-Pinck  an
Wentzcke  v.  26.  u.  v.  27.5.1940,  Griewank  an  Wentzcke  v.  26.8.1940;  BAKo,  R73/13075:
Aktennotiz  Griewank  v.  2.8.1940;  BAKo,  R73/51:  Griewank,  Bewilligungen  von  Druckzuschüssen
  im  August  1940  v.  2.8.1940:  1500  RM;  PAAA,  R60275:  Steinbach,  Budgetverrechnung
  1935/36  der  WFG  (am  20.6.1936  v.  Emil  Meynen  bestätigt).
81  BAKo,  R73/13075:  DFG  an  Bärenreiter-Verlag  v.  26.4.1941;  Griewank,  Überweisung  v.
11.10.1941,  Vötterle  (Bärenreiter)  an  DFG  v.  28.4.1941;  cf.  Angelika  Merkelbach-Pinck,
Lothringer  Volksmärchen  (Kassel:  Bärenreiter,  1940).
782  BABL,  R70  Lothringen/20,  f.  9:  Nätscher  (SD-II),  Vermerk  v.  1.7.1942.
78’  Angelika  Merkelbach-Pinck,  „Der  Lothringer“,  Elsaß  und  Lothringen:  Deutsches  Land,  Hg.
Otto  Meißner,  3.  Aufl.  (Berlin:  Stollberg,  1942),  183-91;  Klaus  A.  Lankheit,  „Meißner,  Otto“,
Biographisches  Lexikon  zum  Dritten  Reich,  2.  Aufl.  (Frankfurt,  M.:  S.  Fischer,  1998),  315.
84  BABL,  R70  Lothringen/20,  f.  14:  Nätscher,  Vermerk  v.  1.7.1942.

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