Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Märchen  seien  dramatisch  und  motivreich,  bevorzugten  die  nichtwörtliche  Rede
und  vermieden  ausführliche  Aussagen  des  Einzelnen.  Ihre  Handlung  schreite  fort.
Außereuropäische  Märchen  indes  seien  episch,  motivarm  und  flächenartig
angelegt.  Einen  wesentlichen  Unterschied  zwischen  europäischen  und  asiatischen
und  afrikanischen  Märchen  sah  Fox  in  der  richtigen  Mischung  von  wörtlicher  und
nichtwörtlicher  Rede.  Die  Differenz  trete  am  deutlichsten  in  „der  heldischen  Haltung
  des  Kämpfers  in  den  europäischen  (besonders  dem  germanischen)  Märchen“
und  in  der  Schilderung  des  Kampfes  mit  dem  Drachen  hervor.760  An  Karl  von
Spieß  angelehnt,761 762  stellte  sich  Fox  den  germanischen  Märchenhelden  als  Superlativ
vor:  Er  finde  „erst  nach  Überwindung  großer  Hindernisse“  den  Gegner,  mit  dem
er  „dann  mit  unvergleichlichem  Mut  und  ohne  Todesfurcht  den  schwersten
Kampf4  erfolgreich  bestehe.  Im  außereuropäischen  Märchen  aber  kämpfe  der
Held  nicht;  der  Nordafrikaner  schwätze  das  Ungeheuer  förmlich  zu  Tode.767  Das
Wesentliche  am  germanischen  Märchen  sei  seine  „Auffassung  und  Verherrlichung
  der  Treue,  des  Mutes“,  legte  Fox  auch  der  Ahnenerbe-Versammlung  dar.763
De  Vries  widersprach  und  beschränkte  das  germanische  Märchen  genau  auf  jenen
Typus,  den  Spieß  ausgeschlossen  hatte,764  das  „Zaubermärchen“.  Laut  Ittenbach
handle  es  sich  im  germanischen  Märchen  jedoch  „nicht  um  Wunder,  sondern  um
eine  symbolische  Darstellung  einer  wirklich  lebendigen  Situation“,  wogegen
orientalische  Märchen  „das  dem  Natürlichen]  Widersprechende,  das  Fantastische“
hervorhoben  und  eben  das  sei  ungermanisch.  Von  diesen  gelehrten  Einwendungen
ließ  sich  Fox  überzeugen.765
Schneider  gingen  die  Erörterungen  über  germanische  Authentizität  zu  weit.  Eine
Anmerkung  an  jedem  Märchen  solle  die  Herkunft  nennen  und  der  „germanischen
Gemeinsamkeit“  dienen.766  Wichtiger  war  dem  Ahnenerbe  die  richtige  Länder-Auswahl,
  um  möglichst  breit  in  Europa  zu  wirken.  Auf  welche  Länder  aber  zielte
man  ab?  Nur  auf  die  germanischen?  Oder  sollten  auch  wallonische  oder  französische
  Märchen  Verwendung  finden?  Durfte  man  den  germanischen  Märchen  des
englischen  Feindes  einen  ebenbürtigen  Platz  einzuräumen?  Oder  waren  angelsächsische
  Märchen  ebenso  bedrohlich  wie  angelsächsische  Fliegerbomben?  Die
Herren  fanden  in  diesem  Punkt  keine  Entscheidung.  Als  die  Debatte  über  die

760  Fox,  „Drachentöter“,  257,  cf.  264-65.
761  Karl  von  Spieß,  Deutsche  Volkskunde  als  Erschließerin  deutscher  Kultur  (Berlin:  Stubenrauch,
  1934),  82-85.
762  Fox,  „Drachentöter“,  257-58:  Im  kabylischen  Märchen  sei  die  „Schilderung  des  Kampfes  [...]
in  ein  fast  gemütliches  Zwiegespräch  zwischen  dem  Burschen  und  der  Schlange  eingekleidet“.
1,3  BDC,  Fox,  f.  56:  „Besprechung  über  das  ,Germanische  Märchenbuch1“.
7<’4  Spieß,  Erschließerin,  123-24,  131-34;  cf.  Moser-Rath,  „Märcheninterpretation“,  552.
765  BDC,  Fox,  f.  58,  62:  „Besprechung  über  das  ,Germanische  Märchenbuch1“,  cf.  f.  60.
766  BDC,  Fox,  f.  57:  „Besprechung  über  das  ,Germanische  Märchenbuch1“  (Schneider).

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