Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Fox  stellte  den  Herren  von  der  SS  seinen  Märchenband  vor.  Seine  Publikation
habe  weniger  mit  der  Volkskunde  als  Wissenschaft  zu  tun  als  mit  konkreter
Volkstumsarbeit.  Das  Germanische  Märchenbuch  sei  nicht  für  das  Fachpublikum,
sondern  „für  die  breite  Masse“  gedacht.  Es  solle  in  großen  Lettern  und  mit
Illustrationen  „wesentlich  auf  das  Kind  und  die  Familie“  wirken.7'  3  Um  die  propagandistische
  Absicht  zu  verschleiern  und  den  Leser  nicht  mit  der  Wiederholung
inhaltlich  gleicher  Märchen  zu  langweilen,  verwarfen  die  Besprechungsteilnehmer
  Fox’  starre  Kapitelaufteilung  in  zehn  Motivkreise  zu  jeweils  etwa  zehn
Märchen  -  Fox  hatte  zum  Beispiel  alle  in  europäischen  Ländern  gefundenen
Drachentöter-Märchen  nebeneinander  gestellt.7'4
Mit  der  Frage  „was  ist  eigentlich  ein  germanisches  Märchen?“* 755  berührte  die  Versammlung
  die  Lindenblattstelle  der  nationalsozialistischen  Kulturwissenschaften.
Wie  solle  man  das  Arteigene  und  das  Artfremde  auseinander  halten?  Wie  könne
das  Nordische  von  westlichen,  östlichen  und  südlichen  Einflüssen  befreit  und  von
christlichen  Überlagerungen  gereinigt  werden?756  Die  Frage  nach  dem  Wesen
des  germanischen  Märchens  konnte  dagegen  von  keinem  nationalsozialistischen
Erzählforscher  beantwortet  werden.  757  Schneider  wusste  schon,  warum  er  sie  nicht
zulassen  wollte:  „Auf  keinen  Fall  soll  dabei  in  eine  Diskussion  eingegangen
werden,  wieweit  im  einzelnen  das  Märchen  wirklich  nur  germanisch  ist  oder
nicht.  Die  wissenschaftlichen  Forschungen  hierüber  sind  heute  noch  gänzlich  im
Fluß.“758 759  Die  versammelten  SS-Volkskundler  aber  wollten  eine  Linie  zwischen
dem  germanischen  und  nichtgermanischen  Märchen  ziehen.  Nämliches  hatte  Fox
zwei  Jahre  zuvor  in  den  Westmärkischen  Abhandlungen  versucht.  Die  Frage  „Gibt
es  überhaupt  ein  selbständiges  nationales  Märchen?“  konnte  er  zwar  nicht
abschließend  beantworten,  doch  traute  er  sich  zu,  am  Beispiel  des  kulturübergreifenden
  Drachentöter-Motivs  das  Wesen  europäisch-germanischer  von  dem
afrikanischer  oder  orientalischer  Märchen  abzugrenzen.  Fox  nahm  an,  „daß  die
Märchen  artverwandter  Völker  aus  einer  ursprünglich  gemeinsamen  Wurzel
hervorgegangen“  seien.  Von  dieser  arischen  Urerzählung  ausgehend,  erhielten  sie
„besondere  nationale  Gepräge“,  blieben  sich  aber  im  Kern  gleich.7"'9  Germanische

BDC,  Fox,  f.  61,  64:  ..Besprechung  über  das  .Germanische  Märchenbuch1“  (Beitrag  de
Haas,  Schneider).
754  BDC,  Fox,  f.  56-57,  62:  „Besprechung  über  das  .Germanische  Märchenbuch1“,  cf.  f.  61
(Plaßmann),  f.  46:  Fox  an  Zanthier  v.  15.4.1940.  Sein  Typensystem  entlieh  Fox  augenscheinlich
dem  Motiv-Katalog  von  Antti  Aame  und  Stith  Thompson;  cf.  Lutz  Röhrich,  „Erzählforschung“,
Grundriß  der  Volkskunde:  Einführung  in  die  Forschungsfelder  der  Europäischen  Ethnologie,  Hg.
Rolf  Wfilhelm]  Brednich,  2.,  überarb.  u.  erw.  Aufl.  (Berlin:  Reimer,  1994),  421-48,  hier  431.
755  BDC,  Fox,  f.  58:  „Besprechung  über  das  .Germanische  Märchenbuch1“  (de  Vries).
756  Moser-Rath,  „Märcheninterpretation“,  552.
75'  BDC,  Fox,  f.  59:  „Besprechung  über  das  .Germanische  Märchenbuch1“  (Huth).
758  BDC,  Fox,  f.  55r:  Schneider,  Aktenvermerk  zur  Besprechung  mit  Fox  am  16.3.1943  v.
19.3.1943.
759  Nikolaus  Fox,  „Der  Drachentöter:  Ein  Beitrag  zur  Untersuchung  des  Volksmärchens“,  Westmärkische
  Abhandlungen  zur  Landes-  und  Volksforschung,  4  (1940),  240-65,  hier  240,  246.

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