Full text : Volk, Reich und Westgrenze

SS-Hauptsturmtührer  Dr.  Hans  Ernst  Schneider741  und  umfasste  die  Dienststellen
Flandern,  Norwegen  und  Niederlande,  letztere  von  Mai  geleitet,  und  die  im
Aufbau  befindlichen  Dienststellen  Wallonien  und  Frankreich.742
Im  März  1943  sagte  Fox  Schneider  zu,  das  Germanische  Märchenbuch  in  enger
Zusammenarbeit  mit  dem  Ahnenerbe  zusammenzustellen  und  herauszugeben.
Neben  einem  Grundstock  aus  den  Kinder-  und  Hausmärchen  sollte  es  „Märchen
und  Märchenschwänke  der  germanischen  Völker  und  Stämme“  aus  Schweden,
Norwegen,  Dänemark,  Island,  den  Niederlanden  und  Flandern  umfassen.  Im
Sommer  1943  bat  der  Führer  des  GWE  Fox  zu  einer  großen  Besprechung  über  das
Germanische  Märchenbuch  nach  Berlin,  an  der  die  Crème  der  SS-Germanenforschung
  teilnahm:  außer  Schneider  und  Fox  u.  a.  die  Professoren  Jan  de  Vries,
Otto  Huth,  Max  Ittenbach,  Hans  Schwalm,  Geerto  Aeilko  Sebo  Snijder  und
Walter  von  Stokar,  ferner  Plaßmann,  Sievers  und  Mai.743  Es  lohnt,  sich  diesen
Kreis  genauer  zu  betrachten,  um  den  internationalen  Umfang  des  GWE  ermessen
und  die  Stellung  des  Germanischen  Märchenbuches  in  dessen  kollaborationistischer
  Europapropaganda  verorten  zu  können.  Der  österreichische  Germanist
Schneider  war  1941  der  Ahnenerbe-Vertreter  in  Den  Haag  gewesen,  wo  er  die
niederländische  Volkstumspolitik  beeinflusste,  bis  er  1942  nach  Berlin  zurückkehrte,
  um  den  GWE  zu  leiten.744  Der  Niederländer  de  Vries,  Altnordist,  Germanist,
Volkskundler  und  keltisch-germanischer  Religionsforscher  von  der  Universität
Leiden,  war  Mitarbeiter  der  WFG.  Als  einer  „der  engsten  Kollaborateure“  der
Nationalsozialisten  spielte  er  eine  wichtige  Rolle  in  der  friesischen  Bewegung
und  im  Neederlandsche  Kultuurraad.745  Der  Antisemit  Huth  (1906-98)  arbeitete

41  Schneider  erlangte  weltweite  Bekanntheit,  als  1995  seine  falsche  Nachkriegsidentität  Hans
Schwerte  aufgedeckt  wurde;  Lucas  Delattre,  „Allemagne:  Le  professeur  de  gauche  était  un
ancien  SS:  Hans  Schwerte  était  un  collaborateur  de  Himmler“,  Le  Monde  (9.6.1995);  „Stich  ins
Wespennest“,  Der  Spiegel  (14.9.1998),  84-88;  Schweigepflicht,  Autorinnenkollektiv  für  Nestbeschmutzung.
  Die  folgende  Literatur  zum  Fall  Schneider/Schwerte  ist  gleichfalls  ein  Beleg
für  eine  feuilletonistische  NS-Wissenschaftsgeschichte,  die  sich  -  was  auch  Christian  Jansen,
„Hochschule“,  215  beklagte  -  auf  bekannte  Namen  stürzt:  Vertuschte  Vergangenheit:  Der  Fall
Schwerte  und  die  NS-Vergangenheit  der  deutschen  Hochschulen,  Hg.  Helmut  König,  Wolfgang
Kuhlmann,  Klaus  Schwabe  (München:  Beck,  1997);  Bernd-A.  Rusinek,  „Von  Schneider  zu
Schwerte:  Anatomie  einer  Wandlung“,  Verwandlungspolitik:  NS-Eliten  in  der  westdeutschen
Nachkriegsgesellschaft,  Hg.  id.,  Wilfried  Loth  (Frankfurt,  M.:  Campus,  1998),  143-79.
742  BDC,  SS-HO  5574:  Ahnenerbe  -  GWE  (Schneider),  Arbeitseinsatz  Juli  1940  -  Juli  1944;  cf.
Kater,  Ahnenerbe,  305,  Tfl.  3;  Lerchenmueller,  Simon,  Im  Vorfeld,  73,  84,  90-92;  Heiber,
Universität...,  T.  2,  1:  516-18.
743  BDC,  Fox,  f.  56-64:  „Besprechung  über  das  »Germanische  Märchenbuch1“.  Das  Datum  der
Besprechung  ist  nicht  überliefert.  Es  muss  nach  der  inhaltlich  vorausgegangenen  Besprechung
zwischen  Schneider  und  Fox  von  Mitte  März  1943  liegen;  zu  dieser  Besprechung  hatte  Fox
noch  kein  Manuskript  vorgelegt  (f.  61  ),  aber  dessen  ersten  Entwurf  für  Juli/August  versprochen
(BDC,  Fox,  f.  55r:  Schneider,  Aktenvermerk  betr.:  Besprechung  mit  Fox  v.  19.3.1943).  Dieser
Entwurf  lag  zur  Besprechung  im  Sommer  1943  vor.
744  Kater,  Ahnenerbe,  174-75,  182-84,  188-90.
745  Fahlbusch,  Wissenschaft,  414-15,  417,  586,  699,  Zitat  415;  Michael  Fahlbusch,  „Für  Volk,
Führerund  Reich!  Die  Volksdeutschen  Forschungsgemeinschaften  und  Volkstumspolitik  1931-1945“,
  Geschichte  der  Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft  im  Nationalsozialismus:  Bestandsaufnah¬406


            
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